Adam Anderson und Theo Hutchcraft haben als Synthpop-Duo "Hurts" mit "Desire" ihr viertes Album veröffentlicht. Im Interview sprechen sie über das Streben nach einem Hit, Nacktszenen mit Sharon Stone und Partys mit Noel Gallagher.

Vor sieben Jahren tauchten Hurts aus dem Nichts auf und dominierten auf Anhieb die internationalen Charts. Sowohl ihr Debütalbum "Happiness" als auch die überwältigenden Singles "Wonderful Life" und "Stay" hielten sich über Monate in den Hitlisten Europas und erlangten zahlreiche Gold- und Platinauszeichnungen. Nun veröffentlicht das Synthpop-Duo aus Manchester mit "Desire" sein viertes Album – diesmal selbst produziert (hier bei Amazon bestellbar).

prisma: Ihre erste Single "Wonderful Life" landete vor sieben Jahren auf Platz zwei in den Charts und war damit erfolgreicher als alle, die später folgten. Wie schwierig ist es heutzutage, eine Hit-Single zu landen?

Adam Anderson: Sehr schwierig!

Theo Hutchcraft: Ein Hit hat gar nicht viel mit einem großartigen Song zu tun. Es geht um so viel mehr: um das Umfeld zum Beispiel und ob Menschen sich mit dem Sound verbunden fühlen. Da gibt es mystische Dinge, die eine Rolle spielen. Als wir damals "Wonderful Life" gemacht haben, wussten wir schon im Studio, dass es ein großartiger Song ist. Aber das ganze Drumherum hat ein echtes Eigenleben entwickelt. Man kann als Künstler nur versuchen, die bestmöglichen Songs schreiben.

prisma: Es stresst Sie also nicht, dass alle Welt erwartet, dass Sie noch mal so abräumen wie mit "Wonderful Life"?

Anderson: Nicht wirklich. Wir sind zu sehr besessen davon, gute Stücke zu schreiben und gute Shows zu spielen.

Hutchcraft: Wir lieben Popmusik, sind uns aber auch bewusst, dass da vieles außerhalb unser Kontrolle liegt. Manchmal kommen Hits aus dem Nichts und durch puren Zufall zustande – wie bei "Wonderful Life". Es ist ein fast befremdliches Gefühl, wenn man den seltenen Moment erlebt, in dem sich alles fügt. Aber einige solcher Hits sind ja nicht mal gute Songs. In die Kategorie möchten wir mit Hurts nicht fallen.

prisma: Was hat denn bei der Vorab-Single "Beautiful Ones" gefehlt? Es ist ein toller Song, aber in den Charts blieb er hinter den Erwartungen.

Hutchcraft: Das mag sein. Aber die Reaktionen darauf waren großartig! Und der Song erreicht von Tag zu Tag mehr Menschen. Das ist doch alles, was man sich erhofft, wenn man Popmusik macht.

prisma: Als das Video zu "Beautiful Ones" erschien, hatten Sie innerhalb einer Woche viele Millionen Klicks auf Youtube und wurden besonders von der LGBT-Szene für das Statement gegen Homophobie gefeiert. Sie, Theo, sind für den Clip in die Rolle einer Drag-Queen geschlüpft, die von Männern verprügelt wird ...

Hutchcraft: In der Drag-Queen-Szene gibt es kaum jemanden, der nicht die Erfahrung gemacht hat, attackiert zu werden. Es ist einfach, das zu vergessen, wenn man selbst aus dem Haus gehen kann und nicht Scheiße fressen muss, weil man ist, wie man ist. Für andere Menschen ist das nicht so einfach, und das ist schändlich. Warum lässt man Menschen nicht ihr Leben leben, wie sie es möchten?

prisma: Sie treten in Osteuropa, wo Homophobie vermeintlich noch weiter verbreitet ist als im Westen, mitunter vor 20.000 Leuten auf. Wie haben Ihre Fans dort auf das Statement für mehr Toleranz reagiert?

Hutchcraft: Großartig! Da gab es nicht eine negative Reaktion. Ich denke, da existiert auch ein Missverständnis! In den meisten osteuropäischen Ländern sind die jungen Leute sehr aufgeschlossen. Und in Großbritannien und Deutschland sind wiederum auch nicht alle liberal. Diese Art des Mobbings passiert überall auf der Welt: in London und Berlin genauso wie in Moskau. Es ist nicht an bestimmte Länder gebunden.

prisma: Am Anfang haben Hurts die Mädchen beeindruckt, nun auch die Schwulenszene.

Hutchcraft: (lacht) Wir hatten immer viele Fans in der LGBT-Community. Sie sorgen bei unseren Konzerten für die Party-Atmosphäre. Viele unserer Fans sind Außenseiter der Gesellschaft. Es sind sehr schöne Menschen, die auf ihre Art einzigartig oder anders sind. Wir sind unglaublich stolz, sie als Fans zu haben und dass der neue Song in der Szene so viel bewirken konnte.

prisma: Sie sehen übrigens auch als Frau sehr gut aus, Theo. Adam, wäre er Ihr Typ?

Anderson: Darüber muss ich noch mal nachdenken. Theo und ich sind jetzt seit zwölf Jahren befreundet. Es ist zumindest die längste Beziehung, die ich jemals hatte.

Hutchcraft: Adam steht eigentlich eher auf Mädels mit dunklem Haar. Macht ja nichts. Aber für unseren Manager Matt war es hart, dass ich so unglaublich sexy aussah. Ich sah ja nicht mehr wie Theo aus, sondern mit Make-up dann wirklich wie eine Frau. Ich weiß noch, dass ich mich jedesmal erschrocken habe, wenn ich am Spiegel vorbeiging. Denn ich hatte oftmals vergessen, wie anders ich aussah. Aber es hat Spaß gemacht.

prisma: Hat Ihr Kumpel Bryan Adams Sie dazu inspiriert, bei Ihrem Video auch mal selbst Regie zu führen?

Hutchcraft: Ach, nein, er ist einfach nur ein guter Freund. Er hat Fotos von mir für sein Magazin gemacht und Regie geführt bei unserem Clip zu "Wish" vom letzten Album. Wir waren immer schon sehr in unsere Videos involviert. Da ist es nur logisch, dass der Lernprozess darin mündet, mehr Verantwortung zu übernehmen. Das ist zwar ein mutiger Schritt nach vorne. Aber die Idee war schon so geformt in meinem Kopf – Szene für Szene. Und gerade bei diesem sensiblen Thema war es wichtig, genau den richtigen Ton zu treffen. Also habe ich es gleich selbst gemacht.

prisma: Haben Sie sich mit Ihrem Schauspiel für Hollywood empfohlen?

Hutchcraft: Na ja, in den Videos bleib ich stumm, da gibt es keinen Dialog, du spielst einfach. Und du verwendest dann einfach nur die besten Szenen. Im Film hast du manchmal nur eine Chance – da muss dann alles sitzen. Film ist also viel schwieriger.

prisma: Sie spielen in dem Hollywood-Streifen "A Little Something For Your Birthday", der nächstes Jahr in die Kinos kommt, an der Seite von Sharon Stone. Wie kam es dazu?

Hutchcraft: Ich habe Sharon bei einer Dinner-Party in Los Angeles kennengelernt. Wir haben uns auf Anhieb prächtig verstanden und wurden Freunde. Sie erzählte mir, dass sie selbst gerne Musik schreibt, was ich gar nicht wusste. Ich besuchte sie in ihrem Haus, um einen Song mit ihr am Piano zu schreiben. Als wir fertig waren, kamen ihre Freunde vorbei, und eine davon war die Regisseurin Susan Walter, in deren Film sie aktuell mitspielte. Ich spielte ihren Freunden unseren Song vor, was witzig war, aber auch ziemlich peinlich. Und plötzlich fragte mich Susan, ob ich nicht nächste Woche vorbeikommen will, um in ihrem Film mitzuspielen. "Sei einfach du selbst", sagte sie. Da konnte ich nicht nein sagen. Ich musste dann den Liebhaber von Sharon spielen, ich lag also die ganze Zeit im Bett mit ihr. (lacht)

prisma: Haben Sie sie nackt gesehen?

Hutchcraft: Klar, aber haben wir das nicht alle? (lacht) Es hat Spaß gemacht. Am Set haben mich alle sehr unterstützt. Ich musste mir auch keinen anderen Akzent zulegen und so tun, als wäre ich Amerikaner. Das hat es einfacher gemacht.

prisma: Viele Musiker sind gestorben seit dem letzten Hurts-Album. Gab es einen Tod, der Sie besonders berührt hat?

Anderson: Bei mir war das der von Prince, denn das kam wirklich unerwartet. Die Sache mit Bowie war tragisch, aber es existierten bereits Gerüchte, dass es ihm schon eine Weile lang nicht gut ging. Darauf war ich mental etwas besser vorbereitet. Prince hat mich schockiert. Auf unserer neuen Platte gibt es einige Songs, die nach Prince klingen. Das ist wohl unterschwellig unsere Hommage an ihn.

Hutchcraft: Wir haben Bowie und Prince rauf und runter gehört. Und das, wofür sie stehen, ist das, was wir als Band auch anstreben. Sie sind beide sehr visuell und künstlerisch. Sie machen Popmusik, aber gehen Risiken ein. Und sie haben immer wieder unterschiedliche Sachen gemacht und versucht, einzigartig zu sein. Es war merkwürdig, sie starben so kurz hintereinander. Ich glaube, wir haben erst in dem Moment verstanden, wie wichtig sie für uns sind. Auch was ihre Attitüde betraf: Sie haben die Dinge einfach gemacht. Dann blickst du auf dich selbst und denkst: OK, wir müssen jetzt auch aus der Bequemlichkeitszone raus. Dorthin, wo es aufregend ist. Ihr Erbe ist also unsere Inspiration.

prisma: Hurts galten immer als eine Band, die auch gerne ausgelassen feiert. Gilt das noch heute?

Adam: Ich habe mit dem Trinken aufgehört. Also ist es weniger extrem als noch im Jahr 2011, als wir jeden Tag alles gemacht haben, was Spaß bringt. Den Spaß haben wir immer noch. Nur nicht mehr an der Bar. Und wenn, dann nur, wenn der Tag danach ein spielfreier Tag ist. Das hat auch den Vorteil, dass ich nicht mehr über meinem Keyboard einschlafe. Wir sind damit auf der sicheren Seite. (lacht)

Hutchcraft: Unsere Shows sind auch körperlicher als früher, als wir eigentlich nur in der Kulisse herumstanden. Sie sind länger und energetischer. Da braucht man schon eine Weile, um sich davon zu erholen. Außerdem haben wir uns angewöhnt, auf Tour Songs zu schreiben. Wir haben so etwas wie ein mobiles Studio dabei. Wir wachen also morgens auf, arbeiten den ganzen Tag an unserer Musik und machen Pause, um die Show zu spielen. Es ist sehr viel strukturierter als früher, aber das ist auch gut so.

prisma: Theo, Sie waren zu Noel Gallaghers 50. Geburtstag eingeladen. Können Sie von dem Ex-Oasis-Frontmann in Sachen Rock'n'Roll noch etwas lernen?

Hutchcraft: Auf jeden Fall. Seine Party war eine der besten, die ich je in meinem Leben besucht habe! Einfach brillant! Mehr Rock'n'Roll geht nicht. Da fällt mir ein, er kriegt immer noch ein Geschenk von mir.


Quelle: teleschau – der Mediendienst