Auf Titeln internationaler Magazine ist Mode in Übergröße ganz langsam im Kommen, immer mehr namhafte Designer schneidern Kleidung für "Curvy People" – kurvige Menschen. Zusammen mit Experten gibt prisma Tipps.

Mit Durchschnitts-Konfektionsgröße 44 entsprechen deutsche Frauen nicht den gängigen Model-Maßen, bei Männern sieht es ähnlich aus. Trotzdem soll Kleidung gut sitzen und nicht sack- oder zeltartig anmuten. Schmalen Ober- und breiten Unterkörpern schmeicheln Schnitte in A-Linie, die nach unten hin weiter werden.

Accessoires und Details wie Sticker, Brusttaschen oder Raffungen lassen den Brustbereich größer wirken – wer das nicht wünscht, wählt eine glatte, farblich dezente Alternative und lenkt den Blick auf ein anderes Detail wie Haarspange oder Handtasche. Wickel-Kleidung betont eine schmale Taille. Kräftige Arme kaschieren luftige Stoffe, leichte Puffärmel oder ausgestellte Bündchen.

Überhüftlange Jacken verlängern optisch den Oberkörper, kurze Oberteile dagegen stauchen unvorteilhaft – und auch Röcke sollten mindestens Midi-, Hosen eine 7/8-Länge und eine hohe Leibhöhe haben (Tipp: Marlene-Hosen), idealerweise mit niedrigen oder höheren Absatz-Schuhen, nach vorn schmal werdend. High Heels gehen genauso wie Stiefel mit Blockabsatz, Hauptsache, die Proportionen bleiben harmonisch.

Drei Fragen an Mode-Designer Guido Maria Kretschmer:

Herr Kretschmer, was macht Kleidung für Kurvige perfekt?

Eine Hose sollte das Bein immer optisch strecken und kräftige Oberschenkel nicht betonen. Was gerade geschnitten ist und Länge imitiert, eignet sich super – ob weit im Marlene-Stil oder eng wie bei Jeggins. Bei Röcken funktionieren Bleistiftröcke genauso wie glockige oder Plissee-Röcke, wenn sie gut gemacht sind. Das A und O ist zudem die Auswahl des richtigen Materials: Die Stoffe sollten nicht hoch wandern.

Was gilt es beim Design von Plus-Size-Mode zu beachten?

Mode ist Mode, egal, ob für große oder kleinere Größen. Plus-Size-Frauen haben auch das Recht auf einen modischen Style jenseits von Tuniken und anderen weiten, hängenden Klamotten. Besonders wichtig ist es, beim Design auf die Schnitttechnik, eine gute Materialqualität und die richtigen Proportionen zu achten. Jeder Körper ist anders, auch in derselben Konfektionsgröße. Gerade deshalb braucht es etwas mehr Know- how bei der Entwicklung der konkreten Proportionen.

Was brauchen Curvy People in Bezug auf Mode?

Ein neues Verständnis für Unterschiedlichkeit. Größere Größen sind kein Makel, viele Plus-Size-Frauen sind sehr sinnlich. Es ist auch wichtig, dass sich eine positives Gefühl für den Körper entwickelt: die Bereitschaft, zu verstehen, dass in jedem noch so großen Körper auch eine schlanke Frau steckt.

Drei Fragen an Plus-Size-Bloggerin Julia Kremer:

Frau Kremer, worauf kommt es bei großen Größen an?

Kurvige Menschen sollten darauf achten, dass sie sich wohl fühlen, denn das strahlen sie dann auch aus. Ich finde es wichtig, dass sie sich an neue Schnitte wie etwa Skinny Jeans herantasten und so ein besseres Gefühl für ihre Körper bekommen. Kurvige sollten das tragen, worauf sie Lust haben: den Oversize-Kuschelpulli genauso wie den Plissee-Rock.

Wo sehen Sie die Herausforderung bei Curvy Mode?

Frauen ab Kleidergröße 46 haben beim Offline-Shoppen immer noch sehr wenig Auswahl im Gegensatz zu schlankeren Menschen. Das finde ich diskri- minierend. Mehr als 60 Prozent der Frauen in Deutschland tragen Klei- dergröße 42+, aber der Handel spiegelt das nicht wider. Kurvige Menschen müssen als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft akzeptiert werden – aber da ist noch viel Luft nach oben.

Woran merkt man, dass man das richtige Outfit gefunden hat?

Dass man in seinem Outfit Selbstbewusstsein ausstrahlt. Ein Wohlfühlmerkmal ist, dass man weder am Shirt noch an der Hose herumziehen muss. Ganz oft fehlt kurvigen Menschen der Mut, neue Kleidung auszuprobieren, weil das Umfeld ungewohnt reagiert.

Drei Fragen an Bekleidungstechnikerin und Designerin Doris Megger

Frau Megger, perfekter Look bei großen Größen: Worauf kommt es an?

Meine wichtigste Empfehlung ist der gesunde Blick in den Spiegel: Wer möchte ich sein, und wie fühle ich mich wohl? Aus den Antworten erkennt und entwickelt man seinen Look. Das A und O ist die Inszenierung der Kurve. Ein raffinierter Ausschnitt etwa betont ein schönes Dekolletee, ein auffälliger Kragen setzt ein tolles Gesicht in Szene.

Gibt es Attribute an Kleidung, die Kunden mit großer Konfektionsgröße meiden sollten?

Wichtig ist, dass gerade dünnere Stoffe nicht zu transparent sind und nicht zu eng anliegen, damit nichts spannt und sich nichts abzeichnet. Das gilt insbesondere für kräftige Arme und Beine. Und es muss nicht immer alles lang, weit und schwarz sein. Klein- und Großgemustertes, Karos, Tupfen, selbst Querstreifen gehen. Hauptsache, der Druck lässt eine klare Struktur des Musters und genug Kontrast erkennen.

Was ist Ihre Botschaft an Übergröße-Kandidaten?

Machen Sie keine Kompromisse mehr, verlassen Sie gewohnte Mode-Trampelpfade. In jeder Größe gibt es den authentischen Look – auch wenn man der Suche manchmal mehr Zeit widmen muss. Ideal ist eine Beratung im Fachgeschäft, oder aber man zieht mit Freunden los und experimentiert.

Drei Fragen an Dorothé Mahnel, Inhaberin eines Modegeschäfts

Frau Mahnel, was ist für den perfekten Sitz von Big-Size-Kleidung wichtig?

Bis zur Größe 52 sollte man Körperform zeigen und die Taille betonen, statt seine Silhouette mit dem Prinzip "Lage über Lage" zu kaschieren. Ideal sind Schnitte, die schmalere Stellen akzentuieren. Knöchelfreie Hosen gehen, verkürzte eher nicht. Ein schönes Dekolletee kann man mit einem V-, Rund- halsausschnitt oder Rundhalskragen hervorheben.

Welche Farben und Muster sind bei großen Größen empfehlenswert?

Strahlende Farben kann man durchaus tragen – aber nicht von Kopf bis Fuß dieselbe, auch wenn das gerade ein Trend ist. Der Ton sollte farblich mit Haut und Haar harmonieren. In Kombination mit einem ruhigen, unifarbenen Kleidungsstück wie Hose oder Jacke – dieses sollte den Po bedecken – sehen auch gemusterte T-Shirts und Blusen gut aus, etwa mit Streifen oder Blumen. Grafische Muster gehen auch, nur nicht zu wild.

Und welche Stoffe empfehlen Sie?

Stoffe sollten so gewählt werden, dass sich darunter nichts abzeichnet: Mit Blick auf eine perfekte Passform empfehle ich Stretch-Materialien. Triacetat-Qualitäten sind toll, weil das Material schön fließt, aber die notwendige Bewegungsfreiheit lässt. Genug Weite, aber nicht im Überfluss, weil es sonst lappt – das ist der Trick.