Orte, an denen sich Menschen aus aller Welt treffen, üben einen Zauber aus. Gabriele Landwehr, die aus Künzelsau stammt, ist ihm schon oft erlegen. Gerade jetzt erlebt sie eine Region, die vielen deutschen Stubenhockern als Ausbund der Hölle erscheint, den Orient.

Gabriele Landwehr arbeitet für das Goethe-Institut in Abu Dhabi, sie unterrichtet Deutsch und fühlt sich alles andere als unwohl. "In Deutschland gibt es so viele Vorurteile gegenüber verschleierten Frauen und Männern in Kandaras, den langen weißen Gewändern, aber man weiß im Grunde nichts von denjenigen, die hier leben."

Frau Landwehr kann mitreden, sie hat Zugang zu vielen emiratischen Familien und manchen Blick hinter die Mauern der Paläste geworfen.

Sehr frauengeprägt

Und, wie sieht es dort aus? Sehr frauengeprägt. Das fällt als Erstes auf. "70 Prozent der Studierenden in Abu Dhabi sind weiblich", hat die Lehrerin festgestellt. Sie war überrascht. Ebenso von Männern, die Kinderwagen schieben. Mit ihrem Bild, das sie von dem Emirat hatte, bevor sie vor drei Jahren in den Orient wechselte, stimmt das nicht überein. Mit dem Bild, das man in der deutschen Provinz von Abu Dhabi hat, wohl auch nicht.

Gabriele Landwehr lehrte Deutsch in Rom, wurde vom Goethe-Institut als Leiterin der Sprachabteilung nach Los Angeles geschickt, koordinierte Bildungsprogramme in Mexiko City und im indischen Chennai. Abu Dhabi lag nicht unbedingt auf ihrer Route. Auch nicht ihrer Wunschliste. Aber "bei Goethe" wird man wie ein Diplomat hierhin und dorthin verschoben, Wünsche sind zweitrangig.

Als Erstes begeisterte sie Sheikh Zayed Bin Sultan Al Nahyan (1918–2004). Sie las alles über den Gründer und ersten Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate. Er war es, der die Vision hatte, die Wüste in blühende Landschaften zu verwandeln, Stadtlandschaften vor allem.

Wer immer etwa in Dubai seinen Urlaub genießt, Sheikh Zayed gab auch dort die Initialzündung, aus der die Herrscherfamilie der Al Maktums reichlich Funken schlug.

Ist Abu Dhabi, reicher noch als Dubai, bald auch so weit? Die Skyline ist imponierend, die Sandstrände sind weißer als weiß, der Lebensstandard ist beängstigend hoch – und die Menschen haben große Sorgen. Sie sorgen sich vor allem um die Jahre nach dem Versiegen des schwarzen Goldes. Wird Boomtown Abu Dhabi eines Tages zur Geisterstadt verkommen?

Worin liegt die Zukunft?

Das wohl nicht. Aber das Jahr 2030 wurde zur weißen Linie erklärt, bis dahin sollen die Emiratis wissen, wo es in Zukunft langgeht. Liegt die Perspektive im Tourismus? Oder in einer Drehkreuz- Funktion für Flugzeuge und Schiffe? Kommt Abu Dhabi zu spät, da Dubai längst vorausgeprescht ist? Und was wäre mit Solarenergie zu erreichen? Die Sonne brennt fast immer.

Kein Wunder, dass die Einheimischen von Gabriele Landwehr das Erfolgsgeheimnis der deutschen Wirtschaft erfahren wollen. Sie antwortet dann eher allgemein: "Neugierig bleiben, hungrig nach Wissen sein, sich weiterentwickeln."

Zuweilen übt die Goethe-Frau auch offene Kritik, was ihr erstaunlicherweise nicht übelgenommen wird. "Die Frage steht im Raum", sagt sie: "Was gebt ihr euren Kindern mit? Was lernen die jungen Leute? Große Häuser und teure Autos sind nichts, woraus sich die Leistungsgesellschaft der Zukunft entwickelt."

Der arbeitende Teil der Bevölkerung in Abu Dhabi kommt überwiegend aus den Ländern Südostasiens, aus Pakistan, Bangladesh oder den Philippinen. Es handelt sich um Dienstleister: Haushaltshilfen, ungelernte Handwerker, die ihre Familien nicht nachkommen lassen dürfen und ihr Geld nach Hause schicken. Von den 1,5 Millionen Einwohnern Abu Dhabis sind nur 12 Prozent Emiratis.

Gabriele Landwehr: "Wie leben diese vielen fremden Menschen? Was passiert in diesem Land, wenn das Geld eines Tages nicht mehr reicht, um den Ehrgeiz und die Glitzerbauten mit Ölgewinnen zu finanzieren?"

Nach dem natürlichen Wunder des Erdöls wird das nächste Wunder ein selbstgemachtes sein müssen. "Dafür investieren sie so viel Geld in Bildung und Wirtschaft", sagt Landwehr.

Abayas, höchst elegant

Mit vielen arabischen Äußerlichkeiten, die in Deutschland mit Argusaugen betrachtet werden, hat sie Frieden geschlossen, wenn nicht sich angefreundet. Bei Statussymbolen wie teuren Handtaschen, Uhren und Schuhen ist das ohne Weiteres zu verstehen.

Aber dass ihr die Abayas der Frauen – schwarze mantelartige Umhänge – inzwischen höchst elegant vorkommen, hätte sie bei ihrem Start in Abu Dhabi nicht für möglich gehalten. "Die Abaya", sagt sie, "ist ein praktisches Kleidungsstück, das man sich überwerfen kann, wenn man schnell was einkaufen muss und sich nicht groß umziehen möchte. Keiner schaut drunter."

Der Schleier, ursprünglich wohl Schutz gegen den Wüstenwind, sei überdies nützlich. Dass Touristinnen zuweilen in Spaghettiträger- Tops herumlaufen, werde geflissentlich übersehen. Sie selbst hält es eher züchtig: Knie und Schultern immer schön bedeckt.