Wir haben uns daran gewöhnt, jedem jederzeit eine Kurznachricht oder Mail senden zu können. Lena informierte mich im Schnitt drei Mal täglich, wie es um sie selbst, um unser Töchterchen oder unsere Vorräte bestellt ist: "Bring bitte noch ein Baguette mit, Schatz!"

Dann kam der Tag ohne eine Nachricht. Bewusst wurde mir das erst auf der Heimfahrt; zu Hause aber vergaß ich, sie darauf anzusprechen.

Am nächsten Tag herrschte erneut Funkstille.

Bis der Senior Manager unseres Hotels gegen Mittag auf mich zutrat – mit einem Brief in der Hand. "Post für Sie", verkündete er mit ernster Miene.

Es war ein possierliches lindgrünes Couvert, beschrieben mit einer Tinte, die ich blassblau nennen möchte. Ich sah sofort, dass es Lenas Schrift war. Sie teilte mir mit, die "blöde Simserei" leid zu sein und mir fortan täglich einen, wie sie es ausdrückte, "richtigen Brief" zu schreiben, und zwar zärtlichen Inhalts, wenn ich’s verdiente, aber streng im Ton, wenn sie es für angebracht hielt.

Ich ließ mich in einen der Fauteuils sinken, die das Hotel vermutlich nur zu diesem Zweck bereithält. Lenas Worte waren lieb und teuer, ihre Schrift von kühnem Schwung, und doch graute es mir: Erwartete sie, dass ich jetzt jeden Tag in gleicher Manier antwortete?

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