"Ein Kerl muss eine Meinung haben!", schimpfte Lena, weil ich mich jeder Beurteilung ihres neuen Bikinis verweigerte. "Ich möchte wissen, ob ich mich damit im Urlaub sehen lassen kann, das ist doch wohl verständlich."

Sie drehte und wendete sich vor dem Spiegel. Im Stillen war ich der Ansicht, dass das Teil zu knapp saß. Nicht viel, aber Lena hatte zugelegt. Das sagte ich aber nicht. Ich sagte: "Da du den Badeanzug gekauft hast, wirst du der Überzeugung sein, dass er dir steht."

"Ich habe ihn kommen lassen, nicht gekauft", korrigierte Lena.

"Schatz, ich brauche deine Meinung ..."

"Ich habe keine."

"Jeder Mensch hat eine Meinung."

"Das ist es ja", sagte ich, "wir werden pausenlos mit Meinungen bombardiert. Ich habe es mir abgewöhnt, überall meinen Senf dazuzugeben."

"Dein Vorsatz in Ehren, aber hier geht es um meinen Bikini."

"Du musst ihn tragen."

"Er gefällt dir also nicht?"

"Habe ich nicht gesagt."

"Aber gemeint."

"Ich meine nicht."

"Ich bin ein bisschen zu dick geworden, findest du nicht?"

"Du bist wunderschön."

"Na, mit der Meinung stehst du aber allein da."

"Das ist keine Meinung, Liebling, sondern eine Tatsache."

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