Wenn es etwas gab, das Lena mir voraushatte, dann war es Disziplin. Jahrelang hatte sie mich mit ihren regelmäßigen Yoga-Exerzitien genervt. Besonders sonntagmorgens erfüllten sie mich mit Unrast und schlechtem Gewissen, weil ich während der Übungen wenig anzufangen wusste und mir selbst im Weg stand.

Sollte ich joggen? Selten genug, dass ich mich aufraffen konnte.

Sollte ich Zeitung lesen? Schon das Rascheln hätte die stille Abfolge der Bewegungen entweiht.

Das Beste war's, im Bett zu bleiben und abzuwarten...

Neuerdings setzte Lena noch eins drauf und machte jeden Morgen vor der Arbeit einen Lauf. Picobello im reflektierenden Funktionsdress ließ sie sich weder von der Morgenkälte noch von schwach beleuchteten Wegen abhalten.

Immerhin blieb mir dabei das Gefühl des Leerlaufs erspart. Ich konnte das Frühstück vorbereiten, am Laptop meine Bewerbungsschreiben vom Abend ausbessern und unser Töchterchen aus dem Tiefschlaf wecken. Soweit alles bestens. Und doch ...

Bei Tisch strahlte mich eine nach dem Laufen supergutgelaunte Lena an. "Ich freue mich auf heute, Schatz", verkündete sie. Wunder der Berufstätigkeit, wie erfüllend das sein konnte!

"Es gab Zeiten", warf ich ein, "da hatten wir morgens auch schon mal Freude an uns." Lena kaute erst mal zu Ende. "Soll das jetzt Kritik sein?"

"Eher eine Vermissensanzeige."

"Dann komm doch einfach mal mit zum Joggen", schlug sie vor.

Ich nickte: "Genau das meinte ich."