"So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – und das ist auch gut so." Dieser viel kritisierte Satz von Winfried Kretschmann ging mir durch den Kopf, als wir abends zusammensaßen, Lena vor ihrem Laptop, ich vor meinem Bewerbungsschreiben, in welchem ich meine Befähigung zum Fahren von schweren Nutzfahrzeugen nachdrücklich unterstrich.
Lena riet mir beiläufig: "Du solltest vielleicht erwähnen, dass du beruflich Neuland betreten würdest ..."
 
"Dann kann ich’s gleich bleiben lassen", maulte ich.
Später drehte sie mir ihren Laptop zu, um mich auf einige hinreißende Einrichtungsideen aufmerksam zu machen (und mich anzuspornen?), darunter lange Kordeln, an denen jeweils nichts als eine nackte Glühlampe baumelte. Wie krank war das denn!
Trotzdem empfand ich die Atmosphäre als, nun ja, herzerwärmend. Jeder ging seiner Sache nach, doch waren wir uns nahe und im schönsten Einklang. Da entdeckte Lena auf ihren klugen Konsumberatungsseiten einen Satz, den sie mir sogleich vorlas: "Liebe ist umso liebender, je weniger sie gestillt ist."
"So ein Quatsch", entfuhr es mir, "Liebe braucht Erfüllung. Das macht sie stark. Schau uns an!" Lena sah zumindest mich an. "Glaubst du das wirklich, Schatz?"
"Allerdings!"
"Ist das nicht ein bisschen antiquiert, so eine klassische Ehe, wie wir sie führen?"
Das war der Moment, als mir Herr Kretschmann einfiel, und warum er das genau so gesagt hatte.

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