Mir war bekannt, dass man sich bei der EU den Büroalltag gern mit Witzen versüßt. Hatte nicht Lena unlängst eine brillante Untersuchung über politisch unkorrekte Witze durchgeführt?

Dieser Tage war ihr Kollege Joel bei uns zu Gast, "aus Flandern", wie er hervorhob, "nicht aus Belgien". J

Joel erwies sich Witzeerzähler. Besonders die russischen "anekdoty" (= Witze) hatten es ihm angetan: "Laut einer Umfrage glauben 25 Prozent der Russen, dass sich die Sonne um die Erde dreht. Erstaunlich, dass es nicht 86 Prozent sind."

Schallendes Gelächter. Nur ich guckte neutral. Bis Joel erläuterte, die Zustimmungsrate für Präsident Putin läge notorisch bei 86 Prozent.

Joel wechselte nach Südamerika: "Wie begeht ein Argentinier Selbstmord? Er steigt auf sein eigenes Ego und stürzt sich in die Tiefe."

Erneut verpasste ich die Kurve zum Mitlachen. Lena klärte mich auf. Die Argentinier seien – "weltweit" – als total selbstüberheblich verschrien ...

Ach so.

Langsam wurde ich sauer. Gab es auch noch normale Witze, die ohne Erläuterung und Fußnote auskamen? Während sich Lena und Joel die Bälle zuwarfen, bastelte ich an einem eigenen.

"Kommt ein EU-Kommissar in eine Kunstgalerie", begann ich. "'Was ist das denn für ein scheußliches Porträt!', ruft er. 'Mein Herr', sagt der Galerist, 'das ist ein Spiegel.'"

Die prisma-Kolumne "Tisch für zwei" gibt es jetzt auch als Buch. Hier können Sie Ihr Exemplar bestellen.