Erinnerung ist ein doppelköpfiges Wesen.

Liebevoll umgarnt sie das wunde Gemüt oder fällt dich hinterrücks an wie eine Raubkatze. Bei einem Abendessen mit Pellkartoffeln wollte Lena wissen, ob ich es bedaure, dass wir uns nicht – "wie alle anderen" – online kennengelernt hätten.

"Wie kommst du jetzt darauf?"

"Online-Paare sollen glücklicher sein ..."

"Wer sagt das?"

"Ich habe erst kürzlich eine Statistik gelesen."

"Bestimmt nur Werbung von einem Paarungs-Institut." Im Grunde interessierte mich das Thema nicht. Algorithmen und Liebe, ein Widerspruch. Oder steckte mehr hinter Lenas Frage?

"Wir hätten ein Blind Date gehabt", sagte sie.

Es klang, als ob sie sich danach sehnte wie nach einem Abenteuer, das ihr entgangen war.

"Im Grunde hatten wir ein Blind Date", warf ich ein. "Ich bin an deinen Tisch gekommen und habe gefragt, ob ich ein Gespräch anmelden dürfe."

"War mir das peinlich!", stöhnte Lena. "So ein Altmänner-Spruch! Außerdem bist du rot geworden ..."

"Nun mach mal halblang", sagte ich. "Deine Freundin hat’s sofort kapiert. Sie meinte, sie sähe nur grünes Licht in deinen Augen."

"Hat sie das wirklich gesagt?"

"Hat sie."

Gedankenverloren lud Lena Kartoffeln nach. Sie fand keinen Trost im Fundbüro der verlorenen Zeit. Hinterrücks fällt uns die Erinnerung an; nur gut, dass sie auch wieder verblasst.

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