"Jeden Morgen dasselbe", klagte Lena. "Wenn ich im Büro meine E-Mails öffne, waren die Hasser mit ihrer überkochenden Wut schon da. Bei der EU sind wir jetzt die Prügelknaben für alle und alles. Geht dir das im Hotel auch so?"

Nein, von Hass-Mails blieb ich schon deshalb verschont, weil ich über kein eigenes E-Mail-Konto verfügte. Wurde der Job dadurch einfacher?

"Wenn in den Mails ausnahmsweise eine Telefonnummer angegeben ist", erzählte Lena, "rufe ich sofort an und stelle die Leute zur Rede. Was meinst du, was sie sagen? 'Ich kenne mich da ja nicht so aus', sagen sie. Stell dir das vor: Erst schicken sie Hass-Mails, dann drucksen sie rum. Wie verrückt ist das denn! Meine These lautet: Wenn alle von Angesicht zu Angesicht redeten, wäre weniger Hass in der Welt."

Im Hotel war ich ständig zornigen Reklamationen und dreisten Wünschen nach Extrawürsten ausgesetzt. Von Angesicht zu Angesicht. Der Hotelgast kennt da nichts. Das Mittel dagegen? Höflichkeit. Je ausgesuchter, desto wirkungsvoller. Ich war ja noch neu in dem Gewerbe, aber ich hatte gelernt, dass Höflichkeit unschlagbar ist. Die allermeisten Gäste bringt sie
zur Räson.

Nur dass ich jetzt nach Dienstschluss  ziemlich viel Schokolade nasche, um den Geschmack von Kreide zu tilgen.

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