Der Tag war gelaufen, wir nahmen auf unserer handtuchgroßen Terrasse Platz. Lena füllte die Weingläser mit einer dunklen Flüssigkeit, ihrer neuesten Kreation. Was das war? Keine Ahnung. Wir nippten vorsichtig, wie man das so tut, wenn man was Neues probiert. Ihr Blick war voller Erwartung.

"Köstlich", sagte ich, obwohl ich eigentlich noch keine Meinung hatte.

"Habe ich aus deinem Holunder gemacht", sagte Lena mit einem Lächeln. Damit musste ich leben. Als ich vor Wochen gegangen war, um Holunder zu sammeln, hatte ich ein weißblühendes Unkraut mitgebracht, das so ähnlich wie Holunder aussah. In solchen Sachen bin ich ein Depp.

Du bist so negativ, Liebling, sagte sie

Leise umfing uns die Nacht. Ein Vogel in der Nachbarschaft spendierte ein Nocturne. Was für ein Vogel? Wie schön es
wäre, das zu erkennen! Oder Holunder von Unkraut zu unterscheiden.

"Hat ordentlich Alkohol, dein Holunder", stellte ich fest.

"Ist ja auch ein besonderer Weißwein drin", erklärte Lena. "Der Weinhändler meinte, den trinken sie auch im Vatikan."

Nach dem zweiten Glas fühlte ich mich völlig eins mit der Welt. Lena träumte. "Ich hätte gern eigene Rebstöcke", sagte sie.

"Davon haben wir noch keinen Wein", warf ich ein.

"Und eigene Zucchini", fuhr sie fort.

"Fressen doch nur die Schnecken."

"Du bist so negativ, Liebling", fand sie.

"Nein", sagte ich, "ich bin glücklich."

"Wegen meines Vatikanweinholunders?"

"Auch deswegen, ja."