Lenas Geduld war absolut bewundernswert.

Ein ums andere Mal ließ sie sich von Felicitas verleiten, die neue Holzeisenbahn kreisen zu lassen, noch mal und noch mal.
Dabei gehörte unsere Tochter längst ins Bett. Ich hatte mich hinter die Zeitung zurückgezogen, doch blieb meine Aufmerksamkeit von Frau und Kind gefangen. Wie wir's auch anstellen, dachte ich, mit solcher Innigkeit können wir Männer es nicht aufnehmen. Die neun Monate im Mutterleib machen wir nicht wett, jedenfalls nicht so bald. Wo Lena natürliches Verständnis für Felicitas  zeigte, rang ich mir unsicher Entschlüsse ab.

Ich erinnerte mich, als kleiner Junge oft nachts unter der Decke meiner Mutter Zuflucht gesucht zu haben. Diese Wonnen
weicher Geborgenheit! Manchmal, wenn es ihr nicht passte, reichte sie mich an meinen Vater weiter, den ich als hart, kratzig und raumfüllend in Erinnerung habe.

Vater konnte es mit Mutter nicht aufnehmen.

Erst in späteren Jahren, als der Fußball zu unserem gemeinsamen Leitstern wurde, verschoben sich die Verhältnisse. Und noch
später, als ich in seiner Vinyl-Sammlung Schätze von Jack Bruce, Van Morrison und Tom Waits entdeckte, wurden wir so was
wie Kumpel.

Plötzlich stand Lena vor mir, Felicitas auf dem Arm. "Nimm mal, Liebling", sagte sie, "bei dir schläft sie besser ein."

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