"Schnee! Guck dir das Schneetreiben an!" Lena war außer sich vor Freude und Elseline mit ihr.
Zum ersten Mal in ihrem Leben nahm unsere Tochter die weiße Pracht bewusst wahr.
Erst gestern hatten die beiden vor dem Fenster gesessen und "Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit?" gesungen; schon rieselten sie, die dicken Flocken.
"Ist das nicht eine wunderbare Gelegenheit, um noch einmal ins Bett zu gehen und zu kuscheln?", fragte Lena.
"Klar", sagte ich und fuhr fort, die Krawatte zu binden. Ich hatte es eilig. Diese vermeintlich stillen Tage waren die Hölle. Das Hotelgewerbe verhält sich antizyklisch zu anderen Berufen.
"Sei kein Streber!", schmollte Lena und ruckte meinen Kragen zurecht. Sie hatte gut reden, ihr steuerfinanziertes Amt blieb heute geschlossen.
"Lass uns noch einen Kaffee trinken, Schatz, und dann machen wir noch was schrecklich Unanständiges, nachher, wenn Elseline eingeschlafen ist."
"Ist nicht drin, Liebling", sagte ich standhaft, "leider!" Die Arbeit duldete keinen Aufschub.
 
Ich kam mir so was von seriös vor.
"Du könntest dich mit dem Schnee entschuldigen", schlug Lena vor.
Ich schaute aus dem Fenster. "Das reicht nicht."
Sie lächelte. "Ein lokales Treiben unvorstellbaren Ausmaßes – entschuldigt das nicht manches?"
"Du nervst, Liebling."
"Normalerweise", seufzte sie, "bricht bei dem Wetter nur der Straßenverkehr zusammen."

 

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