Zu den schönen Seiten meines Jobs als Gästeberater eines Hotels gehörten die Dankesbekundungen einiger Gäste. So fanden sich Lena und ich eines Abends auf Einladung einer Mrs Smith aus Milwaukee in der Philharmonie wieder. Unsere Plätze gehörten zu einem Preisniveau, das die Ausstattung unserer kleinen Tochter, inklusive Kinderzimmer, garantiert hätte.
"Kultur ist für alle da", spottete Lena.
Gespielt wurde Bruckners fünfte Sinfonie. Ein Stardirigent mühte sich, eingehüllt in eine Aura aus Schweiß, ein offenbar schwergängiges Musikgebilde auf Touren zu bringen.
Aber bitte, ich bin mit anderer Musik groß geworden, und so hoffte ich auf Lena, die als Kind Klavierstunden absolviert hatte, dass sie mir später alles erklären würde. Drei, vier Anstandssekunden nachdem der letzte Ton verklungen war, stand das Publikum im randvollen Saal auf den Füßen und jubelte wie bei einem Siegtreffer im Fußball. Was ist das, dachte ich, klatschen die sich die teuren Tickets schön? Während ich, dem Schwarm folgend, mich ebenfalls erhoben hatte, blieb Lena sitzen. Toll, dachte ich, wie konsequent sie ist! Mrs Smith lächelte amüsiert.
Später an der Hotelbar entschuldigte sich unsere liebenswerte Gastgeberin: "I’m so sorry, das war wie eine schlechte Beethoven-Kopie mit deplatzierten wagnerianischen Fanfarenstößen."
Besser hätte ich es nicht sagen können.

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