"Unterbrich. Mich. Bitte. Nicht!", forderte Lena.
"Ich habe nur deinen Satz ergänzt", widersprach ich.
"Oh, danke. So würde ich dir nie in die Parade fahren. Männer kennen im Gespräch keine Regeln."
"Ich bin nicht 'Männer'."
"Anscheinend doch. Was meinst du, wie oft mir das im Amt passiert: Die Herren leiden kollektiv unter sermo praecox und unterbrechen nach Belieben."
"Wie schön, dass Frauen ihre Klischees von Männern für bare Münze nehmen, um sie
gegen uns zu wenden. Das ist unseriös." Ich fragte mich, was sermo praecox heißt, und witterte Beleidigendes.
"Männer kapieren nicht, dass Frauen abwägender argumentieren, rücksichtsvoller und besonnener. Ihr könnt nicht an euch halten und schwallt immer gleich los ..."
"Ist das so?", zweifelte ich. "Ich erlebe täglich Frauen, die mich kaum zu Wort kommen lassen."
"Ein Vorstandsmitglied eines US-Konzerns hat den Witz gemacht, mehr Frauen im Vorstand bedeute nur, dass mehr geredet würde ... Natürlich hat man ihn gefeuert!"
"Genau das ist es, was mir Angst macht", sagte ich. "Diese rituellen Entrüstungen
über angestaubte Scherze, diese Fallbeil-Mentalität. Das ist unfrei. Wie früher im Ostblock."
"Ach, mein Lieber", versetzte Lena, "jetzt versteigst du dich aber wirklich ... Worüber hatten wir uns noch eben unterhalten?"

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