Regen klatschte gegen die Scheibe. Später Abend. Lena lag auf dem Sofa und las im Licht der Stehlampe. Ich konnte das Wort
"Hygge" ausmachen. War das nicht diese dänische Form von Lebenskunst?

Ein langer Tag trat seine Reise in die Nacht an. Es hätte sein Bewenden haben können, wenn mich nicht was gewurmt hätte. "Ich komme mir wie ein wandelnder  Terminkalender vor", klagte ich. "Voll durchgetaktet und erschöpft bis auf die Knochen."
Lena sah auf. "Was ist los, Schatz?"
"Nichts", behauptete ich abwehrend. "Aber unser Leben dreht sich nur noch darum, wer von uns beiden wie viele Überstunden
macht, wer den Einkauf erledigt, wer Elseline zur Kita bringt, ob ich am Wochenende einen Tag frei bekomme ... Wozu das alles?"
Lena schwieg.
"Können wir uns eine Putzfrau leisten?", fragte ich. "Nein! Können wir uns einen tollen Urlaub leisten? Nein! Entweder
schröpft uns die Stadt, die Krankenkasse oder das Finanzamt. Du hast wenigstens dein Yoga, ich gehe vor die Hunde."
"Du bist schlanker geworden", fand Lena.
"Weil ich nicht mehr zum Essen komme. Deine Hygge – wenn ich dafür Zeit hätte ...!"
Lena kam zu mir. "Liebling", sagte sie, indem sie sich auf meine Schenkel hockte, "wir haben uns. Ist das etwa nichts?"

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