Geschehen, neu gesehen. - "Wahre Geschichte" - "Rule Britannia!" - Der gewaltsame Abschied vom Empire

Info • Di., 12.01. • 52 Min.
Am 24. März 1947 wurde Earl Mountbatten of Burma (1900 - 1979) mit großem Pomp zum Vizekönig von Indien ernannt. Obwohl die Entlassung der 410 Millionen Inder in die Unabhängigkeit bereits beschlossene Sache war, versuchte die britische Krone mit einer glanzvollen Zeremonie den Schein zu wahren. Fünfmonatige Gespräche zwischen den beteiligten Mächten endeten mit einer willkürlichen Aufteilung des Gebiets zwischen Pakistan und Indien. Die Folgen waren verheerend. Doch der Gewalt wurde weniger Bedeutung beigemessen als dem – nicht ohne Hintergedanken vereinbarten – Beitritt der beiden neuen souveränen Staaten zum Commonwealth. Bald darauf kam es zu Unruhen in Malaysia und Kenia, die ebenfalls mit enormer Brutalität unterdrückt wurden. In beiden Fällen wurde die Repression durch massive Propaganda verdeckt, die den „Feind“ verteufelte und die Erzählung der Ereignisse bestimmte. 1956 zwangen die beiden neuen Weltmächte USA und Sowjetunion Großbritannien, den Sueskanal aufzugeben. Der neue Premierminister Harold Macmillan wusste, dass sich Großbritannien seine imperialistische Politik nicht mehr leisten konnte, und forderte, die wirtschaftlichen Kosten der Kolonien in einem „Empire-Audit“ zu überprüfen. Er war bereit, auf diese Gebiete zu verzichten, wenn im Gegenzug das nationale Prestige wiederhergestellt würde. Die Armee zeigte sich damit überhaupt nicht einverstanden. 1967 stellten sich abtrünnige britische Truppen im Jemen gegen die Regierung und zwangen mit ihrer blutigen Repression Großbritannien schließlich zum Rückzug. In Südrhodesien lehnte sich die weiße Bevölkerungsgruppe auf und richtete ein Apartheid-Regime ein. Die britische Krone, der es nicht gelang, ihre Untertanen auf Linie zu bringen, musste die Hilfe des Commonwealth annehmen. So konnte ein Abkommen erzielt werden, das zur Gründung von Simbabwe führte. Nach dem Verlust der letzten afrikanischen Kolonie war das britische Weltreich am Ende – daran konnte auch Margaret Thatchers finales imperialistisches Aufbäumen auf den Falklandinseln nichts ändern. Während die von der einstigen Besatzungsmacht destabilisierten Länder noch heute unter dem Trauma der Dekolonisierung leiden, pflegt das Vereinigte Königreich Nostalgie und singt bei den Proms lautstark „Rule, Britannia!“ Nicht ganz so lautstark, aber wenigstens hörbar sollte längst die so notwendige Aufarbeitung der Geschichte beginnen.

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