Schauspieler Christian Berkel beleuchtet im TV mit den "Guardians of Heritage" seine eigenen jüdischen Wurzeln. Im Interview spricht "Der Kriminalist" über die Geschichte seiner Familie und die Bedeutung des Vergangenen für die politische Gegenwart.

Im Film besetzt man ihn oft als Nazi, in Wirklichkeit entstammt Christian Berkel einer verfolgten jüdischen Familie. Wie geht man damit um? In der dreiteiligen Doku "Guardians of Heritage – Hüter der Erinnerung", die der Pay-TV-Kanal History ab 26. November, sonntags, 21.50 Uhr, ausstrahlt, wagt der 60-Jährige die Aufarbeitung. Sein Kollege Hannes Jaenicke führt durch das klug aufbereitete Format, das sich unter anderem mit Clemens Schick und Ulrike Folkerts der Bedrohung des Kulturerbes weltweit annimmt. Von Kambodscha bis Nordamerika wolle man die "Folgen von Geschichtsvergessenheit heute" aufzeigen, wie es bei der überraschend politischen Premiere in Berlin hieß. Über die Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart sprach am Rande des Empfangs auch der ZDF-"Kriminalist" Berkel, der für die Produktion in Jerusalem und Polen seiner Familiengeschichte nachspürte.

prisma: Ihre Großmutter war Jüdin, lebte in Lodz. Wann haben Sie sich erstmals mit der Geschichte Ihrer Familie intensiv auseinandergesetzt?

Christian Berkel: Das ging schon recht früh los – als mir dieser Teil der Familiengeschichte erstmals erzählt wurde. Da war ich sechs oder sieben Jahre alt. Ich konnte mich also noch nicht richtig damit auseinandersetzten, aber ab diesem Moment beschäftigte es mich. Es kam dann in Wellen wieder, manchmal bin ich auch davor davongelaufen.

prisma: Wovor genau?

Berkel: In gewisser Weise vor dem Deutschsein. Vor der Konfrontation mit den eigenen Anteilen. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich dem in Etappen nähern konnte. Die Filmarbeit war auch ein Teil, weil ich mich dabei sehr stark mit der Täterseite auseinandersetzen musste. Diese Figuren sind ja irgendwie zu mir gekommen. Das waren auch widersprüchliche, sehr ambivalente Charaktere. Oft waren das Leute, die erst Nazis waren, dann plötzlich kippten und sogar in den Widerstand gingen.

prisma: Wie war das etwa bei Ihrem Vater – ein Deutscher, der auch an der Front war?

Berkel: Mein Vater war Arzt beim Deutschen Roten Kreuz, wurde dann auch eingezogen und kam in Kriegsgefangenschaft. Klar, eine der ersten Fragen, die meine Generation ihren Eltern stellte, stellte ich auch ihm: Hast du im Krieg jemanden erschossen? Zum Glück nicht, antwortete er, Betonung auf Glück. Durch seinen Beruf musste er nicht schießen.

prisma: Mit der Geschichte Ihrer jüdischen Familie mütterlicherseits setzen sie sich schon länger auseinander ...

Berkel: Das begann nicht erst mit der History-Produktion – auch, weil ich seit einer Weile an einer Fiktionalisierung dieser Geschichte schreibe. Wenn alles gut läuft, erscheint das im nächsten Herbst. Ich bin schon länger auf den Spuren der Familiengeschichte – und hatte schon viel zusammengetragen. Deshalb kamen die Dreharbeiten für mich genau zum richtigen Zeitpunkt. Einige Dinge wusste ich schon, aber einige auch nicht.

prisma: In einem Teil der neuen Doku sieht man einen solchen Moment: Sie stoßen in einem Archiv in Lodz auf den Namen eines jüdischen Verwandten, von dem Sie zuvor noch nie hörten. Gehörte das zu den beeindruckendsten Momenten bei den Dreharbeiten?

Berkel: Ja, das wurde auch tatsächlich in diesem Moment gefilmt, da war nichts geprobt. Erst dachte ich: Was soll denn an einem Archiv beeindruckend sein? Eindrücklich war auch die Reise nach Israel, aber auf eine ganz andere Weise. Ebenso, in Chelmno zu sein, bei den Massengräbern. Das strahlt so eine unwahrscheinliche Aura aus. Man kann das zehnmal lesen, aber es ist völlig anders, das zu erleben, so versteckt in den Wäldern. Wie sich die Nazis immer wieder bemüht haben, dass es niemand mitbekommt – so perfide und irre.

prisma: Ihre Urgroßmutter wurde vermutlich in den Gaswagen des ersten deutschen Vernichtungslagers Chelmno ermordet. Ändert dieses Wissen um das Schicksal der eigenen Familie den Blick auf die Gräueltaten noch einmal?

Berkel: Ich bemühe mich, auch einen ruhigen Blick auf die Dinge zu haben. Schon allein im Hinblick auf meine eigenen Gefühle. Man kommt ja nicht weiter, wenn man alles emotionalisiert und auflädt. Man muss versuchen, das Erlebte auch zu begreifen: Wie geht es mir damit jetzt eigentlich? Das ist für mich noch nicht abgeschlossen. Die Dreharbeiten haben auch dabei geholfen, ein konkreteres Gefühl dafür zu bekommen.

prisma: Rührt auch Ihr seit Jahren währendes Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus, etwa in der Amadeu-Antonio-Stiftung, aus der Familiengeschichte?

Berkel: Mit Sicherheit ist die Motivation dafür zum Teil auch eine persönliche. Das macht es aber nicht besser oder schlechter. Man braucht dafür keine persönliche Betroffenheit. Wir sind ja schon durch unsere Geschichte betroffen. Ob jemand diese Betroffenheit im Sinne einer Verantwortung annimmt, halte ich für wichtiger als im Sinne einer Schuld. Damit kann ich nicht so viel anfangen, die wird nicht weitervererbt. Sich allerdings damit auseinanderzusetzen, als Teil der eigenen Geschichte, halte ich für wichtig. Das kann jeder.

prisma: Stellt das für Sie aktuell auch eine politische Frage dar? Die Dokumentation bezieht ja an vielen Stellen explizit politisch Position.

Berkel: Ja, klar. Wir befinden uns gerade in einer doppelten Situation in Deutschland. Einerseits kann man sagen, dass sich unser Land in den vergangenen Jahrzehnten sehr stark und erfolgreich um die Aufarbeitung von Geschichte bemüht hat. Andererseits gibt es eine Entwicklung, die dem eindeutig entgegenläuft. Das passiert aber nicht nur bei uns, sondern in ganz Europa und in Amerika. Man kann nicht mehr leugnen, dass es einen extremen Rechtsruck gibt. Das steht gegen die positive Entwicklung der Auseinandersetzung. Warum passiert das gerade, wenn man das Gefühl hat, jetzt ist etwas verarbeitet?

prisma: Haben Sie eine Vermutung?

Berkel: Eine richtige Antwort habe ich nicht. Aber es kann durchaus sein, dass gerade durch diese Verarbeitung versteckte Sachen hochkommen. Vielleicht wie in einer neurotischen Struktur: Je mehr jemand aufarbeitet, desto mehr kommt in bestimmten Phasen die Neurose erst richtig zum tragen. Jetzt kommen auf einmal die verdrängten Geschichten aus allen Löchern.

prisma: Das heißt, der rechte Backlash gehört zur Aufarbeitung der Nazi-Geschichte dazu?

Berkel: Es ist natürlich überhaupt nicht gut, dass das passiert und wie es sich äußert. Auf der anderen Seite: Wenn es sich äußert, können wir uns dazu verhalten. Wenn es versteckt ist, ist es ja ebenso existent. Jetzt müssen wir klipp und klar zur Kenntnis nehmen, dass wir eine rechtsextreme Partei im Bundestag haben. Dass die 13 Prozent der Stimmen erhalten hat, in manchen Teilen noch viel mehr, können wir nicht mehr wegreden.

prisma: Haben sich für Sie als ohnehin politisch Engagiertem manche Ansichten nach der Wahl noch einmal verändert?

Berkel: Ein bisschen ratlos bin ich schon – was eigentlich der nächste Schritt sein könnte. Insgesamt stört mich in der öffentlichen Diskussion zur Zeit, dass es ganz schnell immer zwei Lager gibt – das gute und das schlechte. Dabei gibt es, auch in den Parteiprogrammen sehr unterschiedlicher Parteien, oft mehr Überschneidungen, als man vermuten würde. Vielleicht versuchen die Leute daher, möglichst extreme Positionen zu beziehen. Dabei sind die Situationen meist viel komplexer. Sobald aber jemand versucht, eine Sache differenzierter zu beschreiben, heißt es gleich: Bist du auf der oder der Seite? Ich tue mich ja gar nicht schwer, Position zu beziehen. Nur möchte ich es mir nicht verbieten lassen, die Dinge differenziert zu betrachten.


Quelle: teleschau – der Mediendienst