Anke Engelke und Sylvester Groth drehen derzeit für die Amazon-Serie "Deutschland 86". Ein Besuch am historisch realen Set in der Ex-Stasizentrale in Berlin.

Sylvester Groth kommt aus seinem mit Menschen und Technik gefüllten Stasi-Büro und lässt sich von einem jungen Vollbartträger das Mikro zurechtrücken. Vor dem nächsten Take muss der 59-Jährige bei einer Zigarette durchatmen. Wir befinden uns am Set von "Deutschland 86", der zweiten Staffel der international gefeierten DDR-Spionage-Serie, die erst bei RTL die 83 im Titel trug und nun vom Streamingdienst Amazon übernommen wurde. Groth, der in der Fortsetzung erneut den Stasioffizier Schweppenstette spielt, braucht nicht nur vom anstrengenden Dreh eine Pause. Auch die Umgebung zwischen Ost-Mobiliar und Lenin-Büste zehrt an dem ehemaligen DDR-Flüchtling. Gedreht wird "Deutschland 86" schließlich am bedrückend-beeindruckenden Originalschauplatz in der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg.

"Es kostet so viel Energie, gegen diesen Ort anzukämpfen", sagt ein erschöpfter Sylvester Groth vor versammelter internationaler Presse auf Englisch. In einer kurzen Drehpause haben sich der in der DDR aufgewachsene Schauspieler und die anderen Darsteller, Regisseure, Produzenten und Finanziers von "Deutschland 86" wenige Wochen vor Drehschluss zusammengefunden, um den Medien nach dem langen ersten Drehteil in Südafrika einen ersten Einblick zu verschaffen. Wie die Schauspieler in ihren altmodischen DDR-Anzügen im ostigen Ambiente nebeneinander stehen, wähnt man sich kurz tatsächlich in einer SED-Versammlung der 80er-Jahre.

Doch für einige Anwesende ist der Dreh im ehemaligen Stasi-Hauptquartier in Berlin-Lichtenberg, zwischen Marx- und Lenin-Büsten, "Kapital"-Ausgaben, geschmacklosem Holz-Imitat und muffigen Polsterstühlen, mehr als interessante Geschichtsstunde oder ostalgischer Kitsch. Groth, dessen Familie überwacht wurde und der Mitte der 80er-Jahre in den Westen ging, muss die Aura der Stasi-Zentrale gleichsam überwinden, während sein Kollege Uwe Preuss dem Ganzen auch etwas abgewinnt: "Es ist eine Genugtuung, auf Mielkes Badewanne zu sitzen", scherzt der gebürtige Dresdner, der 1985 ebenfalls nach West-Berlin floh. An jenem Ort zu drehen, an dem der DDR-Geheimdienst über die Schicksale Tausender entschied, ist für Betroffene wie Preuss und Groth eine sehr persönliche biographische Angelegenheit.

Anke Engelke ist neu mit dabei

Wie unterschiedlich der historisch bedrückend akkurate Drehort wirken kann, zeigt eine, die aus dem Westen stammt und neu zur Besetzung von "Deutschland 86" gestoßen ist: "Für mich ist es tatsächlich ein Museum, ein Ort der Erklärung, ein Versuch der Aufarbeitung", sagt Anke Engelke, die den Drehtag gerade beendet hat. "Aber ich erwische mich auch bei dem Gedanken: 'Wow, super Ausstattung, geniale Requisite!' Da muss ich mich schnell zwicken und sehe: Das ist alles echt! Das ist das Sofa von Mielke, hier hat er gesessen. Eine seltsame Vorstellung."

Sie selbst habe damals, in den 80er-Jahren, nur wenig Bezug zur DDR gehabt, erzählt Engelke, die 1986 mit jungen 21 Jahren gerade eine Ausbildung beim Südwestfunk anfing. Als Kind habe sie eine Brieffreundin in der DDR gehabt, der sie immer bunte Cartoon-Aufkleber schickte, später ging es auf Klassenfahrt auch nach Ost-Berlin. "Aber nach der Wende wurde klar, dass das Teil der eigenen Geschichte ist. Auch wenn man keine familiären oder freundschaftlichen Verbindungen hatte, gab und gibt es eine Beziehung zur DDR-Vergangenheit. Spätestens wenn man auf Kollegen trifft, die aus den Neuen Bundesländern kommen."

In ihrer Maske mit 80er-Locken und strenger Brille erinnert die 51-Jährige auf den ersten Blick an eine ihrer "Ladykracher"-Figuren. Nur das winzige SED-Abzeichen am Revers weist darauf hin, dass die gebürtige Kölnerin eine gestrenge Funktionärin namens Barbara Dietrich verkörpert. Wie es dazu kam, dass die Comedy-Spezialistin diese ernste historische Rolle übernahm? Ursprung sei eine "ganz tolle Begegnung mit Headautorin und Showrunnerin Anna Winger" gewesen. "Wir stellten fest, dass wir gerne miteinander arbeiten wollen. Ich war schon Fan der ersten Staffel. Dann hat Anna Winger recht bald bald eine Figur entwickelt, die auf mich passte – das war ein großer Glücksfall."

Engelkes Charakter ist beauftragt, kapitalistische Auswüchse in der DDR zu bekämpfen. Ein zynisches Unterfangen – setzte die DDR in ihren letzten Jahren doch vermehrt auf kapitalistische Strategien um den drohenden Niedergang noch abzuwenden. Genau davon erzählt "Deutschland 86", das im Gegensatz zum Vorgänger zu Beginn vor allem in Afrika spielt. Man wolle zeigen dass die Stasi weltweit aktiv war, so Anna Winger, die "Deutschland 86" gemeinsam mit Jörg Winger schuf. Die Weltgeschichte durch "die ostdeutsche Brille zu betrachten", sei eine der Herausforderungen gewesen. "Die sozialistische Führung versucht das Land mit Experimenten in mafiösem Kapitalismus zu retten – mit dramatischen Auswirkungen auf das Leben unserer Agenten".

Die Hauptfigur, den Ex-NVA-Soldaten Martin Rauch, hat man nach den Ereignissen 1983 nach Afrika verbannt – und schickt ihn nun auf internationale Missionen, die nach Angola, Südafrika, Libyen, aber auch nach Paris und Westberlin führen. "Die Welt wurde so viel größer", gibt sich Hauptdarsteller Jonas Nay vor den Pressevertretern begeistert; auch das Spiel auf Englisch habe ihn gereizt, so der 27-Jährige. Terror in Europa, Apartheid in Südafrika, Perestroika in der Sowjetunion – der Kontext, auf dem "Deutschland86" aufbaut, ist wesentlich internationaler und umfassender geworden.

Eine besondere Erfahrung auch für die Darsteller: "Es war sehr ambivalent", berichtet Maria Schrader, die wieder Martins Tante Leonora spielt, die ebenfalls als Agentin in Afrika tätig ist: "Zu sehen, dass die Apartheit noch nicht Geschichte ist". Erste Eindrücke in Form von Filmstills vom ersten Drehort Südafrika bestätigen die Vermutung, dass "Deutschland 86" einen universelleren Ansatz pflegt: Milizen mit Maschinengewehren, umherfliegende Dollarnoten, Action und Verschwörung – der Nachfolger des vielfach ausgezeichneten "Deutschland 83" verspricht mehr als nur eine deutsch-deutsche Agentengeschichte zu werden.

Amazon denkt schon an "Deutschland 89"

Das mag auch am neuen Auftraggeber Amazon liegen. Der Streamingdienst, der rund 80 Prozent der UFA-Produktion finanziert ("Ein Meilenstein in der Finanzierung", so UFA-Chef Nico Hofmann), will die Serie, die zuerst in den USA Erfolge feierte, nach dem deutschen Start auch international vertreiben. Mit dem Wechsel zum Streamingdienst reagiert man auch auf die hierzulande im TV nur mäßigen Erfolge der ersten Staffel: "Gute Serie, falscher Sender" – dieser Konsens habe sich nach den geringen Einschaltquoten bei RTL herauskristallisiert, heißt es von Seiten des deutschen Amazon-Geschäftsführers Christoph Schneider bei der Pressekonferenz.

Mit Amazon hofft man nun auf den großen Wurf. Und Amazon hofft bei der geplanten Premiere im Herbst 2018 mit. Der Internetgigant habe sogar das ganze Paket gekauft, so Anna Winger; in der dritten Staffel des "Deutschland"-Epos wolle man vom "Jahr 1989 erzählen, wie man es noch nicht gesehen hat". Was genau geplant ist? "Die Mauer fällt", antwortet Winger augenzwinkernd.


Quelle: teleschau – der Mediendienst