Wieviel Nationalsozialismus war in der unmittelbaren Nachkriegszeit? – Es darf gerätselt werden, obwohl es ja auch offizielle Zeugnisse gibt: Amtliche Täter wurden freigesprochen oder wenigstens mit dem berühmten "Persilschein" entnazifiziert. Seit wenigen Jahren erst werden auch Befehlsempfänger in Konzentrationslagern verurteilt. Viel zu spät kamen auch die unter dem Schlagwort "Euthanasie" gebündelten Gräueltaten in Nervenheilanstalten ans Licht. Esther Gronenborn zeigt im ZDF-Drama "Ich werde nicht schweigen" einen fiktiven Fall, der auf Erlebnisse ihrer Großmutter zurückgeht. Die Näherin Margarete Oelkers (Nadja Uhl), Mutter von zwei Kindern, ist eine Kriegerwitwe, die 1948 ihre Witwenrente beantragen will. Als sie beim Leiter des Gesundheitsamts, in dem ihr gefallener Mann gearbeitet hat, um notwendige Formulare bittet, stößt sie auf hartnäckigen Widerstand.

Margarete, die auf dem Amt einen Wutanfall bekommt, wird vom Amtsleiter (Rudolf Kowalski) in die real existierende Nervenheilanstalt Wehnen bei Oldenburg (vormals "Irrenheilanstalt zu Wehnen") eingewiesen. Der Amtsleiter hat ihr einen "schizophrenen Schub" attestiert, nicht zuletzt aus genetischen Gründen – eine Tante war angeblich psychisch krank.

Esther Gronenborn zeigt im Film zunächst weniger die immer noch haarsträubenden Zustände in der Nervenanstalt als den geradezu aussichtslos erscheinenden Kampf Margaretes, scheint sie doch völlig chancenlos gegen die Befunde der Ärzte zu sein. Und erst recht scheint ihr Kampf gegen die ausgesprochene Entmündigung und den Entzug des Sorgerechts für ihre Kinder.

Doch Margarete erbringt Beweise, die ihre Peiniger der Täterschaft in der Heilanstalt während der NS-Zeit überführen. Ein Tagebuch ihres Vaters, aber auch bei einem notwendigen Besuch in der Anstalt gefundene Akten helfen ihr dabei. Gronenborn, die zusammen mit Sönke Lars Niewöhner auch das Drehbuch schrieb, kann sich bei ihrer fiktiven Geschichte auf neuere historische Erkenntnisse verlassen: In Wehnen wurden während des Krieges etwa 1.500 Insassen ausgehungert, gequält oder gar zu Tode gespritzt – das brachten Untersuchungen in den 90er-Jahren ans Licht.

Anders als ihre Umgebung, die zutiefst einem politischen Opportunismus verfallen ist, kämpft Margarete für ihr Recht. Den Verantwortlichen sagt sie die Wahrheit ins Gesicht, als sie nach Jahresfrist wieder aus der schrecklichen Anstalt entlassen wird. Dabei läuft sie stets Gefahr, wieder festgesetzt zu werden. Und das in einer Anstalt, in der früher "jeden Tag gestorben wurde", wie es im Film immer wieder heißt. Selten sah man die NS-Zeit aus Sicht der Nachkriegsgesellschaft so kenntlich widergespiegelt wie hier. Noch einmal werden die Opfer von einst verdrängt.

Leider wird Margaretes Geschichte im Film allzu kompliziert als Vielpersonenstück erzählt. Es ist eine Story, die aus lauter kleinen Dramen besteht: Es gibt übergriffige Nachbarn, die sich als späte Blockwarte in fragwürdiger Hilfsbereitschaft gerieren und doch Margaretes Wohnung okkupieren, aber auch eine wenig hilfsbereite Schwester, deren opportunistischer Mann späte Reue zeigt, und Frauen, die über das Kriegsende hinweg noch immer in der Nervenanstalt eingekerkert sind und dort irrlichtern müssen. Von der Freundschaft zu einem Nachbarsmädchen nicht erst zu reden. Alles in allem zu viel des Guten. Auch die immer wieder eingeblendeten, von allerlei Stresssituationen ausgelösten Albtraum-Bilder in Weichzeichner und Zeitlupe verselbständigen sich mit der Zeit.

Es gibt merkwürdige Schnitte (wohl Kürzungen) und anfänglich reichlich aufgesetzten Dialekt. Am Ende hebt der ertappte Amtsdirektor, der Margaretes Leben in Händen hält, gar zu einer umfassenden Rede über Sinn und Zweck der NS-Euthanasie und deren angemessene biologische Auslese an. Das steht dann doch zu plakativ und seltsam unkorrigiert im Raum. Manches wiederholt sich im zweiten Teil, die Handlung ist mitunter zufällig und ungereimt. Nadja Uhl überzeugt als Sympathieträgerin jedoch jederzeit. Trotz mancher Mängel wird eine Ära des Umbruchs beleuchtet, von der man heute, 70 Jahre danach, immer noch viel zu wenig weiß.


Quelle: teleschau – der Mediendienst