Skandinavische Krimimacher wissen, wie man Menschen effektvoll zu Tode kommen lässt: In der Nähe einer kleinen Minenarbeiterstadt in Nordschweden findet man einen verlassenen Helikopter. Auf die Rotorblätter gefesselt – und durch Fliehkräfte verstorben – ein Fremder, der sich als Franzose erweist. Da wird einem ganz schwindlig. Der ermittelnde Staatsanwalt Burlin (Peter Stormare) und sein unsicherer Assistent Anders Harnesk (Gustaf Hammarsten) holen die französische Ermittlerin Kahina Zadi (Leïla Bekhti) mit ins Boot. In der winzigen Enklave nördlich des Polarkreises soll sie bein der Aufklärung des Mordes helfen. Bald geschehen weitere, nicht weniger spektakulär inszenierte Verbrechen. Der vierteilige, schwedisch-französische Hochglanzkrimi lebt von großen Naturbildern und düsterer Action. Autor und Regisseur Måns Mårlind war Co-Autor der hochgelobten Serie "Die Brücke – Transit in den Tod".

Es sieht schon fantastisch aus, was Regisseur Mårlind seinem deutschen Publikum an vier Sonntagabenden ins Wohnzimmer zaubert: die Weite der nordschwedischen Landschaft, ihr Licht und wie es sich in den eher schattig angelegten Charakteren der menschenleeren Region bricht. Allein die Bilder lohnen das Einschalten dieser "Nordic Noir"-Erzählung. Wobei das mit dem "Noir" so eine Sache ist, denn der Krimi spielt in jener Jahreszeit, in der die Sonne nördlich des Polarkreises niemals untergeht. Vor allem Ungeübte wie die algerisch-französische Ermittlerin Zadi zeigen sich von ihrem ewigem Licht irritiert – und gequält. "Midnight Sun" wird dem ZDF-Publikum als das neue Produkt der Macher von "Die Brücke – Transit in den Tod verkauft". Tatsächlich arbeiteten die Autoren Måns Mårlind und Björn Stein an der dänisch-schwedischen Vorzeigeserie mit. "Die Brücke"-Hauptautor Hans Rosenfeldt hat mit dem neuen Produkt jedoch nichts zu tun.

Dennoch lassen sich – neben dem gehobenen Produktionsstandard – Gemeinsamkeiten finden. In beiden Krimis passieren Morde nicht einfach so, sondern sie werden wie sinistre Kunstinstallationen zelebriert. Realistisch ist das zwar nicht, sieht aber schön aus und liefert den Ermittlern interessanten Gesprächsstoff. In "Die Brücke" gelang es den Machern über drei Staffeln, die kunstvolle, jedoch stark konstruierte Kriminalhandlung mit lebensechten Charakteren und deren Alltagsproblemen zu erden – und so einen erzählerischen Sog herzustellen. Die Stärke der Charaktere, das "skandinavisch" genaue Beobachten von angenehm normalen Menschen in überlebensgroßen Krimis, ist das, was "Midnight Sun" ein wenig fehlt.

Zu plakativ sind die Figuren gestrickt: Die taffe Ermittlerin Kahina Zadi trägt ein biografisch in der Jugend verankertes Drama mit sich herum, auf das etwas zu offensichtlich wiederholt hingewiesen wird. Und ihr schwedischer Co-Star? Nicht schlecht, die Idee, einen leicht nervigen Waschlappen zum Helden eines finsteren Großkrimis zu erklären, den noch nicht mal die eigene, gerade erwachsen gewordene Tochter ernst nimmt. Darsteller Gustaf Hammarsten, der zum Ensemble des Stockholmer "Stadsteater" zählt, macht seinen Jpb ordentlich. Trotzdem schimmert bei seiner Figur – wie auch beim Rest des Personals – ein wenig mehr Konstruiertheit durch, als es einem Ausnahmekrimi guttun würde.

Trotz dieser Kritik – "Midnight Sun" ist ein Format, das sich in seiner Qualität über den Durchschnitt der Krimiflut im TV erhebt. Fantastisch ist der Look, der die karge Weite des sommerlichen Nordschwedens zum heimlichen Hauptdarsteller macht. Wen berechnende Unterhaltung nicht stört, dürfte mit "Midnight Sun" vier wunderschön erleuchtete, thematisch jedoch dunkle Schweden-Abende verbringen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst