Mit "Ricki – Wie Familie so ist" gelang dem musikbegeisterten Regisseur Jonathan Demme ein berührender Film, der sein Publikum mitzureißen versteht. Schade nur, dass der Filmemacher dabei die psychologische Komponente seiner Tragikomödie etwas vernachlässigte. VOX zeigt den letzten Spielfilm des 2017 verstorbenen Altmeisters ("Das Schweigen der Lämmer") als Free-TV-Premiere zu später Stunde.

Meryl Streep gibt die titelgebende Ricki Rendazzo, die in ihrem zurückgelassenen Leben als dreifache Mutter eigentlich Linda heißt. Abend für Abend spielt sie in einer Bar in Los Angeles vor einem wie sie in die Jahre gekommenen Stammpublikum ihrem Traum von einer Rock'n'Roll-Karriere hinterher. Mit Bandkollege Greg (80er-Jahre-Star Rick Springfield), der in die komplizierte Rockröhre verliebt ist, liefert sich Ricki auf der Bühne feine musikalische Duelle.

Die Ausnahmedarstellerin bewies bereits in "Mamma Mia" (2008) und "Into the Woods" (2014), dass sie mehr als passabel singen kann. Für Demmes Film lernte Meryl Streep sogar das E-Gitarre-Spielen. Es ist eine Freude, ihr bei ihrer Performance zuzuschauen. Tagsüber sieht das Leben der Musikerin allerdings nicht so glamourös aus. Da arbeitet sie als Kassiererin in einem Bio-Supermarkt und muss ihre sperrige Persönlichkeit zugunsten übertriebener Kundenfreundlichkeit im Pausenraum abgeben. Dort erreicht sie dann auch der Anruf ihres Ex-Gatten Pete (Kevin Kline), der sie bittet, nach Indianapolis zu kommen: Ihre gemeinsame Tochter Julie (Mamie Gummer) wurde von ihrem Ehemann Hals über Kopf verlassen, weshalb sie versuchte, sich umzubringen.

Die bankrotte Rabenmutter fliegt sofort in die Provinz und nistet sich auf dem Anwesen ihres reichen Ex-Gatten ein. Dort muss sie sich von der erschreckend heruntergekommenen Julie erst einmal gehörig angiften lassen. Doch Ricki gelingt es, ihre Tochter allmählich von ihrem zerstörerischen Selbstmitleids-Trip herunterzubringen. Dabei umschiffen Autorin Diablo Cody ("Juno") und Regisseur Demme geschickt alle rührseligen Klischees. Streep und Mamie Gummer, die auch im wahren Leben Mutter und Tochter sind, erreichen diesen Szenen eine packende Authentizität, wie man sie sonst selten zu sehen bekommt.

Doch auch ihre beiden Söhne bereiten Ricki Kummer: Bei einem ersten Familientreffen im Restaurant liefert sich die dysfunktionale Familie einen Schlagabtausch, der für Zuschauer mit ähnlichen Erfahrungen durchaus kathartisch wirken kann. Solche köstlichen kleinen Szenen durchziehen den ganzen Film.

Dafür zeigt Demme jedoch recht wenig Interesse an der tieferen Entwicklung der Figuren und deren Konflikten. Im Grunde ist sein Film wie die Rabenmutter Ricki: Er vernachlässigt die Familie zugunsten der Musik. Doch wer sich ihrer heilspendenden Kraft überlassen mag, wird von diesem Rockmärchen sicher nicht enttäuscht.


Quelle: teleschau – der Mediendienst