Das ARTE-Drama "Sieben Stunden" beruht auf einer wahren Begebenheit und erzählt die unfassbare Geschichte über eine Vergewaltigung, die passierte, obwohl etwas dagegen hätte unternommen werden können. Das Opfer will in sein altes Leben zurückkehren, doch das scheint unmöglich.

Mit einem Trauma und dem Gefühl, in der Opferrolle zu stecken – genau damit muss Hanna Rautenberg (Bibiana Beglau) nach einer brutalen Vergewaltigung kämpfen. Doch Opfer sein will sie nicht. Um jeden Preis kämpft die Sozialtherapeutin dafür, in ihr altes Leben zurückzufinden. Was einfach klingt, wird im Fernsehdrama "Sieben Stunden" zur harten Aufgabe, bei der die Hauptfigur nicht nur sich selbst fast verliert. "Fleisch ist mein Gemüse"-Regisseur und Grimme-Preisträger Christian Görlitz widmet sich in der Koproduktion von BR und ARTE, die der deutsch-französische Sender zur Primetime zeigt, einem sensiblen und schweren Thema, das auf einer wahren Begebenheit basiert.

Todesangst und unfassbare körperliche Schmerzen quälen sie. Sie blutet, ihre Lippe ist geschwollen, und ihr Auge ist rot. Die Kleidung wurde ihr vom Leib gerissen und der Knebel in ihren Mund gedrückt. All das sitzt die sonst so selbstbewusste Hanna aus, lässt es über sich ergehen – und wartet auf das Ende. Auf das Einrücken des SEKs, die Hilfe durch ihren Kollegen oder die Gefängniswärter. Doch sie wartet vergebens. Sieben Stunden lang rührt sich niemand.

Gelegentlich ruft ihr Stellvertreter Ulli Riedl (Norman Hacker) an – doch auch der erkundigt sich lediglich, ob es ihr gut geht. Dabei weiß sie ganz genau, dass sich im Gebäude über 100 Polizisten befinden, die genau wissen, wo sie ist, und vor allem mit wem. Als der Psychopath und Sexualstraftäter Peter Petrowski (Till Firit) dann endlich mit ihr fertig ist, bricht sie zusammen.

Hanna kann es einfach nicht fassen. Sie war dem Häftling, der in einem bayerischen Hochsicherheitsgefängnis sogar ein selbstgebasteltes Messer versteckt hielt, hilflos ausgeliefert. Wie kann das sein, wieso ist keiner eingeschritten? Die Hochzeit mit Stephan (Thomas Loibl) rückt näher, doch sie kann diesen Unfall – "Verbrechen" klingt in ihren Ohren nicht richtig – nicht vergessen. Panikattacken, Halluzinationen und Heulkrämpfe bestimmen ihren Alltag. Und so sehr Stephan auch versucht, für sie da zu sein, scheint er immer das Falsche zu sagen, besonders in den Flitterwochen.

Die Frage nach der Schuld

Hanna ist sich sicher: Das SEK ist schuld, ihr Arbeitgeber ist schuld, ihr Stellvertreter ist schuld, und besonders das Hochsicherheitsgefängnis ist schuld. Und was meint ihre Therapeutin Vera (Imogen Kogge) damit, die Situation hätte vorhergesehen werden können? "Ich will Gerechtigkeit!" – "Ich glaube, Sie wollen Rache." Gibt sie etwa ihr selbst die Schuld, die Situation falsch eingeschätzt zu haben?

Die unfassbare Geschichte über eine Vergewaltigung, die passierte, obwohl etwas dagegen hätte unternommen werden können, drängt in das Leben aller Beteiligten. Angefangen von der Mutter, die den Job ihrer Tochter schon lange für Zeitverschwendung hält, bis hin zum Sohn, der voll und ganz hinter ihr steht und sich im Gericht sogar den Details stellt.

Umso schockierender, dass die Handlung nicht einfach erfunden ist. Sie basiert auf Susanne Preuskers Buch "Sieben Stunden im April – Meine Geschichte vom Überleben", in dem die Autorin erzählt, wie sie ebenfalls als Gefängnispsychologin im Jahr 2009 von einem Insassen sieben Stunden lang als Geisel genommen und vergewaltigt wurde. Die Frage, ob Sexualstraftäter überhaupt therapierbar sind, wird durch den Film aufgegriffen. Und welche Rolle spielte dabei die Institution? Gibt es außer dem Täter noch andere Schuldige?

Mit fantastischen schauspielerischen Leistungen, besonders von Bibiana Beglau und Till Firit, fokussiert der Film ebenso sensibel wie schonungslos auf ein Verbrechen und seine Folgen. Wie viel Kraft kostet es, wieder ins einstige Leben zurückzukehren? Ist das überhaupt möglich? Und wie kann am besten mit dem Thema umgegangen werden? Warum etwa sind es die Opfer, die sich schämen: "Ich bin beschmutzt", sagt Hanna etwa an einer Stelle.

Mit einem engmaschigen und hochspannenden Drehbuch von Christian Görlitz und Pim G. Richter wird die Geschichte von verschiedenen Seiten beleuchtet. Angesichts mancher sehr absurd erscheinenden Reaktionen der Nicht-Betroffenen bleibt dem Zuschauer dabei oft nur ein Kopfschütteln. Andererseits gilt in derlei schrecklichen Situationen wohl auch in der Realität: Wer kann schon wirklich nachfühlen, was den Betroffenen durch den Kopf geht?


Quelle: teleschau – der Mediendienst