Im Schweizer Tatort "Zwei Leben" hat ein Luzerner Busfahrer sein Lebenstrauma auf einer Rachemission bekämpft. Aber ergab das alles Sinn? Und darf die Thematik "Suizid" überhaupt in einem Tatort auftauchen? Die Analyse zum Krimi vom Sonntag.

"Tatort"-Time am Vierwaldstättersee. Das heißt meistens: schnörkelloses Krimi-Handwerk mit der Präzision, aber auch den Überraschungsmomenten eines Schweizer Uhrwerks. Mitkombinieren mit den Luzerner Kommissaren Flückiger (Stefan Gubser) und Ritschard (Delia Meyer) war diesmal nicht so schwer, da es galt, einen fingierten Selbstmord auf der Autobahn zu entschlüsseln.

Was war los?

Horror bei Nacht: Einem Luzerner Fernbusfahrer krachte wie aus dem Nichts ein offenbar Lebensmüder von der Autobahnbrücke vors Gefährt. Beim Fahrer löste die Tragödie ein altes Trauma wieder aus, Flückiger und Ritschard gab sie bald Anlass zum Misstrauen. Wie sich zeigte, war der zunächst unbekannte Mann gar nicht freiwillig heruntergesprungen. Was freilich keinen Zuschauer überrascht haben dürfte, schließlich müssen die Kommissare in einem "Tatort" auch etwas zu Ermitteln haben ...

"Tatort: Zwei Leben" – gab's das nicht schon mal?

Wenn's bei diesem Sendetitel bei Ihnen klingelt, haben Sie ein ausgezeichnetes Langzeitgedächtnis! "Zwei Leben" hieß bereits ein Essener Haferkamp-"Tatort" aus dem Jahre 1976. Damals wie jetzt zielte der Titel ab auf abgetauchte Schurken mit verdeckten Identitäten. Schon bald nämlich verfolgten die Luzerner Ermittler eine heiße Spur, wer das Mordopfer sein könnte: ein windiger Bauunternehmer, der angeblich bei der Tsunami-Katastrophe 2004 in Thailand ums Leben gekommen war.

Ergab die Story Sinn?

Halb waren die Kommissare beschäftigt, das dubiose Verschwinden des Mannes zu rekonstruieren, der wohl Millionen in die eigene Tasche abzweigte und etliche Schuldner auf offenen Rechnungen sitzen ließ. Zur anderen Hälfte entfaltete sich ein schwermütiges Psychodrama um den bemitleidenswerten Busfahrer. So weit, so sachlich. Doch um diesen Doppelplot strickten die Autoren Felix Benesch und Mats Frey zu viele fadenscheinige Zufälle. Dass der traumatisierte Busfahrer ausgerechnet ein alter Wehrdienst-Spezl vom Flückiger war ... Dass ausgerechnet die Psychologin vom Bereitschaftsdienst (Stephanie Japp) verwandt war mit einem Geschädigten des Ermordeten ... Es gibt Zufälle, die gibt's nur beim "Tatort".

Suizide in Serie – ist das realistisch?

Die rotlockige Lady von der Spurensicherung hat nach eigener Aussage längst aufgehört, die Selbstmörder zu zählen. Hat die Schweiz etwa ein verschärftes Suizid-Problem? Zwischen 10.000 und 15.000 Suizidversuche pro Jahr zählt die Westschweizer Gruppe für Suizidprävention – durchschnittlich 1000 dieser Versuche enden tödlich. Im europäischen Vergleich liegt die Alpenrepublik mit diesen Zahlen (rund zwölf Fälle pro 100.000 Einwohner) im Mittelfeld. Doch immerhin sterben in der Schweiz dreimal so viele Menschen durch eigene Hand, wie es Verkehrstote gibt. Bei der Abstimmung über die Verschärfung des Waffenrechts im vergangenen April wurde über das Thema kontrovers diskutiert. Die Fälle aus der begleiteten Sterbehilfe gehen übrigens nicht in die Suizid-Statistik ein.

Darf die Thematik "Schienen-Suizid" überhaupt auftauchen in einem "Tatort"?

Eine Frage, die tatsächlich heiß diskutiert wird in der Schweiz. Präventionsexperten befürchten Nachahmer. Vonseiten der Schweizerischen Bundesbahnen, SBB, ist sogar versucht worden, im Vorhinein Einfluss zu nehmen aufs Drehbuch. Festhalten lässt sich jedoch: Ein Suizid wird gar nicht gezeigt, sondern nur ein fingierter, also ein Mord. Lediglich wird dem Zuschauer erklärt, dass der Busfahrer vor Jahren zwei Suizidfälle in seiner Zeit als Lokführer erlebte. Sein Leiden zu thematisieren, stellvertretend für die vielen Traumatisierungen, die durch sogenannte "Personenunfälle" hervorgerufen werden (im SBB-Netz ereignen sie sich im Schnitt jeden zweiten Tag), erscheint legitim. Lilian Räber, Leiterin Fernsehfilm SRF, wird von "Blick" zitiert: "Wir haben über einen möglichen Nachahmungseffekt diskutiert und nehmen die Verantwortung ernst. So wie wir die Geschichte erzählen, scheint uns die Gefahr gering, jemanden zu animieren."

Wie waren die Ermittler in Form?

Mittelprächtig. Die sympathische Liz Ritschard war wie immer recht zurückhaltend. Der Kollege Reto Flückiger wiederum war nicht in jedem Moment voll bei der Sache. Wie meistens bei "Tatort"-Kommissaren waren die Gründe hierfür blond und langbeinig. Mit der verheirateten Eveline Gasser (Brigitte Beyeler) unterhält der attraktive Kriminaler eine nur noch halb-geheime Liaison.

Wer hatte den besten Auftritt?

Eindeutig Michael Neuenschwander (55), der Darsteller des armen Busfahrers. Was ist das auch für ein Schicksal: Einst Lokführer, war er nach zwei Suizid-Fällen im Dienst von der Schiene auf die Autobahn umgestiegen. Nun hatte ihn auch hier sein Lebenstrauma eingeholt. In vielen halbdunklen Szenen füllte der Berner Film- und Theaterschauspieler die Rolle des Traumatisierten mit entsetzlichem Grimm und rasender Verzweiflung. Ein Auftritt, der unter die Haut ging.

Wie gut war der "Tatort"?

Dass alles auf die sinistre Psychologin als Täterin hinauslief: Geübte "Tatort"-Gucker werden rasch eins und eins zusammengezählt haben. Aber so etwas empfinden ja auch viele Stammzuseher als ganz angenehm. Dem Schweizer Regisseur Walter Weber gelang in diesem Sinne ein routiniertes Stück zum Mitkombinieren, frei nach dem alten Adenauerwahlspruch: "Keine Experimente!".

Wie geht es weiter in Luzern?

Mit deutlich mehr Experimentierfreude! Den nächsten Luzerner "Tatort" inszenierte Star-Regisseur Dani Levy ("Alles auf Zucker!") in nur einer einzigen Kameraeinstellung ohne Schnitt. Das Ergebnis dieser anspruchsvollen "Echtzeit"-Übung ist 2018 zu sehen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst