Spätestens, als Peter Faber (Jörg Hartmann) einen Brief bekommt, dürfte der Zuschauer stutzig werden. Wer sollte diesem Stinkstiefel schon schreiben? Erst recht mit einem selbst gemalten Bild und dem Absender "Auf ewig dein"? Doch der Brief an den Kommissar ist kein Liebesbrief – im Gegenteil. Das Bild zeigt Fabers tote Frau und Tochter, darüber einen Engel. Soll das Faber selbst sein? "Immerhin geht er dann davon aus, dass sie im Himmel enden und nicht in der Hölle", frotzelt seine Kollegin Martina Bönisch (Anna Schudt). "Mit der Meinung dürfte er ziemlich allein dastehen."

Schon früh drängt sich Markus Graf (Florian Bartholomäi), der Absender dieser sonderlichen Botschaft, in den Mittelpunkt dieses Tatorts aus Dortmund. Dabei haben Faber, Bönisch und Nora Dalay (Aylin Tezel) eigentlich einen Todesfall aufzuklären und gar keine Zeit für den Serienmörder. Doch Faber beißt an – er hält Graf für den Mörder seiner kleinen Familie.

Also müssen Bönisch und Dalay etwas mehr Arbeit machen und versuchen rauszukriegen, wie sich der Doppel-Mörder Michael Strecker in der Haft mit dem Rabies-Virus infizieren konnte. Und sie müssen verkraften, dass auch der Gefängnisarzt Jonas Zander (Thomas Arnold), der früher mit ihnen in der Pathologie gearbeitet hat, eine Überraschung parat hat: denn er sei auf dieselbe Art mit Tollwut infiziert worden wie der Tote. Und auch, wenn Bönisch das nicht wahrhaben will, steht es für ihn fest. "Ich wurde ermordet."

Währenddessen geht Faber das alte Katz-und-Maus-Spiel mit Markus Graf ein, dass wir schon aus "Auf ewig dein" kennen, dem Fall, in dem Fabers Vergangenheit und sein Trauma zum ersten Mal Thema im Dortmunder Tatort war.

Dichter, spannender Tatort

An nur wenigen Schauplätzen und mit knackigen Dialogen versehen, entwickelt Regisseurin Kerstin Krause in der Folge einen dichten und durchaus spannenden Tatort. Immer wieder im Mittelpunkt: Markus Graf. "Er ist der perfekte Häftling, seit er hier drin ist", berichtet Aufseher Stefan Keller (Holger Handtke) über ihn. "Und trotzdem ist er mir irgendwie unheimlich." Das scheint selbst Faber so zu gehen, denn so trocken und ungerührt wie sonst bleibt er in "Tollwut" nicht über die ganzen 90 Minuten. Im Gegenteil. Dieser Tatort hat einige seltsam berührende Szenen parat. Und er schafft es doch tatsächlich, dass einem Faber in manchen Momenten sogar leidtut.

Und so passiert in "Tollwut" endlich das, was sich in "Auf ewig dein" schon angekündigt hatte: Faber entwickelt sich, dieser so sperrige und von Jörg Hartmann markant gespielte Charakter baut neben seiner ruppigen Fassade und seiner zwischendurch aufblitzenden Selbstironie ("Kaufen Sie sich einen Hund." – "Ich hab schon einen Kaktus.") so etwas wie Gefühl auf, wohl dosiert zwar und nur mit spärlichen Mitteln ausgedrückt, aber spürbar.

Zudem hat Michael Meisheit anders als Jürgen Werner vor vier Jahren das Duell zwischen Faber und Graf deutlich entschärft, auch wenn die Psychologie zwischen den beiden und die ein oder andere Wendung nach wie vor leicht gekünstelt wirkt, ein Stück weit überzogen. Aber packend ist das, was da in der Justizvollzugsanstalt in Dortmund passiert, vor allem, weil die beiden Handlungsstränge klug und ausbalanciert nebeneinander erzählt werden. Und so wächst Faber hier – an sich, aber auch an seinen Kolleginnen, und die beiden wachsen mit ihm und geben dem Dortmunder Tatort so mehr und mehr Farbe. Zu viel sollte es zwar nicht werden, dafür ist die Tristesse, die die Fälle aus dem Ruhrgebiet umweht, irgendwie auch zu charmant. Aber zwischendurch eingestreut, funktionieren diese Farbspritzer recht gut. Und so langsam wird ein Gemälde daraus.