"Zeit ist unsere wichtigste Mitarbeiterin", sagt Heiko Gebhardt (Alexander Schubert) und grinst überheblich. Doch ausgerechnet Gebhardt hat keine Zeit mehr. Denn plötzlich steht er da in seinem Büro, den Telefonhörer in der Hand, und sieht dabei zu, wie das Blut an ihm herunterläuft. Ein Schuss, zwei Schüsse, drei Schüsse – dann ist er tot.

"Man denkt immer, sterben sei etwas für andere", sagt seine Kollegin Cordula Wernicke (Ramona Kunze-Libnow) erschüttert, als die Kommissarinnen Henni Sieland (Alwara Höfels) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) sie kurze Zeit später befragen. Doch das Sterben ist plötzlich ganz nah. "Er war immer so charmant gewesen, und ich mochte sein Rasierwasser." Bloß: Charmant war Gebhardt offenbar nicht zu allen Menschen. Den Kunden seines Arbeitgebers, der Versicherung ALVA, trat er jedenfalls eher hartherzig gegenüber, genauso wie seinen Mitarbeitern. Und jetzt steht nicht nur der gute Ruf dieses Unternehmens auf dem Spiel, sondern auch sein Motto: "Ihr Partner für Ihre Sicherheit". Lebensgefahr statt Lebensversicherung, konstatiert Henni Sieland lakonisch, als weitere Morddrohungen die Runde machen.

Eifersüchteleien und Mobbing

Ein paar Verdächtige sind schnell ausgemacht. Da wäre als Erstes Rainer Ellgast (Arnd Klawitter), ein Kollege, der mit Gebhardt im Clinch lag und scharf auf seinen Posten war. Doch auch einige der Versicherungskunden kämen in Frage. Harald Böhlert (Peter Schneider) etwa, der durch einen Arbeitsunfall im Rollstuhl sitzt und nach jahrelangem Rechtsstreit von der ALVA um seine Entschädigung gebracht wurde. Jetzt will er öffentlichkeitswirksam vor der Konzernzentrale dagegen protestieren, merkt aber schnell: Die Aufmerksamkeit gehört erst einmal anderen. "Ein Toter schlägt einen Krüppel um Längen bei der Presse."

Doch auch innerhalb der ALVA rumort es. Von Eifersüchteleien rund um Ellgasts Kollegin und Geliebte Claudia Bischoff (Isabell Polak) bis hin zu handfestem Mobbing reicht das Besteck, mit dem hier hantiert wird. Und hintenrum, da wird nicht nur getuschelt – nicht wenige der Mitarbeiter sind in einer Betriebssportgruppe aktiv, in der auch geschossen wird. "Was für ein intriganter Haufen", bemerkt Gorniak. Doch das gilt nicht nur für die ALVA.

Auch durch die Polizei in Dresden geht ein Riss. Während Henni Sieland sich in ihrer freien Zeit nicht nur um ihre marode Beziehung kümmert, sondern auch noch eine syrische Flüchtlingsfamilie aufnimmt, macht sich Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) eher Sorgen um seine Stadt, immer wieder schielt er auf all die Fremden, vor denen er Angst zu haben scheint wie ein kleiner Junge vor dem Dunkeln.

Starkes Ensemble

Es sind etliche Baustellen, die Regisseurin Franziska Meletzky hier bearbeitet, und obwohl "Auge um Auge" durchaus riskiert, sich in dieser Gemengelage zu verlieren, gelingt es diesem Tatort, herrlich sarkastisch mit aktuellen deutschen Befindlichkeiten zu spielen. Dabei spürt man durchaus, dass am Drehbuch auch Stromberg-Autor Ralf Husmann beteiligt war, bei der Rolle des Rainer Ellgast manchmal sogar etwas zu sehr. Doch das starke Ensemble, allen voran die wunderbaren Alwara Höfels und Karin Hanczewski reißen den Plot mit ihrem Auftritt mehr als nur einmal wieder heraus aus der Slapstick-Falle – und das, ohne dass ihm in Sachen Humor ein roter Faden verloren ginge.

Leider leistet sich "Auge um Auge" dabei ein paar unnötige Bilder, die diesen im Kern gesellschaftskritischen Krimi mit Action aufladen sollen. Unnötig deshalb, weil es doch gerade die leisen Momente sind, die bei Meletzky den Ton angeben. In diesen ist der noch junge Dresdner Tatort stark, und der durchaus ernste Unterton dürfte nicht nur den Zuschauern gefallen. "Der Dresdner Tatort ist immer noch am Anfang, er entwickelt sich und das ist auch gut so", sagt etwa Alwara Höfels. Und so werden es vor allem die zwischenmenschlichen Komponenten sein, die in den kommenden Fällen in den Mittelpunkt rücken dürften. Hier jedenfalls ist noch einiges an Potenzial, um aus diesem schon beeindruckenden Duo eine feste Instanz zu machen.