Ein unaussprechlicher Massenmörder macht nicht nur Weimar unsicher, sondern auch die Frauen schwach. Eine Paraderolle für Jürgen Vogel.

Gobi ist ein feiner Mensch. Das zumindest sagt Mimi Kalkbrenner (Jeanette Hain). Keiner Fliege würde er etwas zuleide tun, "und schon gar nicht diesen drei Frauen, die er damals umgebracht haben soll". Ein Justizirrtum sei das alles. Wobei Mimi auch ein wenig voreingenommen sein dürfte, denn sie fügt hinzu: "Ich liebe ihn. Und er liebt mich auch."

Die Richter aber sehen das anders. Gobi (Jürgen Vogel), der eigentlich Gotthilf Bigamiluschvatokovtschvili heißt, wird nicht aus der Forensischen Psychiatrie entlassen. Dafür hat Professor Elmar Eisler (Ernst Stötzner), sein Betreuer und Gutachter, eine großartige Idee: "Wir werden Ihre Therapie um eine kleine Gehirnoperation zu erweitern." Danach werde er sich fühlen wie ein neuer Mensch. Und außerdem: In fünf Jahre, bei der nächsten Anhörung, sehe die Welt schon wieder ganz anders aus.

So lange aber will Gobi, der "Würger von Weimar" nicht warten. Also lockt er eine der Aufseherinnen in eine Falle, erwürgt sie und türmt. "Sie wollen uns erzählen, dass ein schizophrener Gewaltverbrecher hier einfach so rausspazieren kann?", fragt Kriminalhauptkommissarin Kira Dorn (Nora Tschirner) Professor Eisler. "Wir mussten vorhin durch fünf Sicherheitsschleusen. Das ist doch wohl ein Witz!" Aber die Witze, die machen hier andere.

Wundervoller Sarkasmus

Unter anderem überlässt man das beim MDR dem mehrfach ausgezeichneten Regisseur Ed Herzog und seiner Fähigkeit, durch deftigen Lokalkolorit und jede Menge schräger Typen für abstruse, aber immer warmherzige Momente zu sorgen. Es sei hier nur der Running-Gag der gestrickten Unterwäsche erwähnt, die in diesem Tatort – noch vor einem toten Eichhörnchen – die wohl wichtigste nicht-menschliche Nebenrolle spielt. Und man vertraut auf die erstklassige Riege an Schauspielern. Jürgen Vogel als herzensguter Massenmörder, Ernst Stötzner als tatteriger Psychiater und Jeanette Hain als liebesblinde Mimi sind eine Offenbarung.

Dazu kommen diese kleinen Einfälle und spitzfindigen Details in Szenenbild und Schnitt, gepaart mit einem wundervollen Sarkasmus, den das Drehbuch sowohl Dorn und ihrem Partner Lessing (Christian Ulmen) in die Dialoge geschrieben hat, der aber dem Zuschnitt der übrigen Charaktere auch seinen Stempel aufdrückt. So deutsch ist kaum ein anderer Tatort. So unterhaltsam auch nicht.

Wäre da noch der Fall, der nicht so eindeutig ist, wie er anfangs wirkt. Denn dieser Gobi, der hat etwas an sich, dem die Frauen nicht widerstehen können. "Immer, wenn ich ihn gesehen habe, war es so, als wenn ich ihm einen Kuchen backen wollte", beichtet Schwester Paola (Mirjam Heimann). Auch ihre tote Kollegin beschrieb den mehrfachen Mörder recht schwärmerisch: "Er hat so etwas von einem rumänischen Hirtenhund. Aus dem Waisenheim." Und Schwestern wie diese beiden gibt es in der Psychiatrie 21. "Der wüste Gobi", fällt Dorn da nur noch lakonisch ein. Hat also eine von ihnen dem Mann zur Flucht verholfen? Oder hatten die, da sie ihn sich doch schwesterlich geteilt haben, nicht viel mehr ein Interesse daran, dass er bleibt? Und wenn dem so ist: War es dann vielleicht sogar der Professor selbst, der seinem Patienten den Weg in die Freiheit ermöglicht hat?

Verwirrende Schleichwege

Nur selten in diesem fünften Weimarer Tatort, dass eine Pointe nicht trifft, noch seltener, dass Tschirner oder Ulmen das Timing verrutscht. Viel häufiger hingegen gelingt es, dass dieser Krimi Spannung erzeugt – oder sagen wir besser: Neugierde und Verwunderung. Mit kleinen Kniffen führt er sowohl die Ermittler, damit aber eben auch die Zuschauer auf verwirrende Schleichwege. So übersichtlich Weimar auf den ersten Blick sein mag, hier lässt es sich trefflich in die Irre laufen. Und dann sind da diese wenigen Augenblicke, die den Zuschauer schlicht baff zurücklassen. Voller Zuneigung und Bewunderung – für Dialoge, Charaktere, Orte. Der Weimarer Tatort, er ist so etwas wie Herzkino. Mit ein paar Toten, versteht sich.

Übrigens: Lessing gelingt es auf erstaunlich selbstverständliche Art und Weise, den Namen Bigamiluschvatokovtschvili fehlerfrei auszusprechen. Er ist halt ein Tausendsassa. Aufmerksame Zuschauer dürften das nach 90 Minuten auch schaffen.