In ihrem dritten gemeinsamen Fall müssen Raczek und Lenski im "krummen Wald" ermitteln.

Manchmal hilft nur Beten – auch wenn es das erste Mal seit 20 Jahren ist. Also setzt sich Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) erst einmal zur Frau von Janusz Kubiak, den sie gerade tot im Wald gefunden haben, und betet. Auch wenn ihn das in den Ermittlungen um den Mord kein Stück weiter bringt, vielleicht lindert es den Schmerz ein wenig.

Auf die Idee zu beten, ist seine Kollegin, Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon), noch nicht gekommen. Dabei hat sie ebenfalls genug Probleme. Obwohl sie nun schon einige Zeit aus Potsdam weg ist, hat sie bei der deutsch-polnischen Polizei im Grenzland bei Stettin noch nicht so richtig Fuß gefasst, von einem geregelten Alltag zwischen Job, Tochter und Freizeit kann keine Rede sein. Freunde könnte sie gut brauchen ... oder wenigstens einen Mann. Doch bei beidem sieht es eher düster aus.

Also konzentrieren sich Raczek und Lenski auf die verwertbaren Spuren – und die führen sie in das kleine Dorf Wüsterow in der Uckermark. Hier hat Kubiak hin und wieder gearbeitet, hier soll er eine Affäre mit Sabrina Uhl (Jennifer Krannich) angefangen haben. Doch Uhl wurde von ihrer Mutter Liane (Kathleen Gallego Zapata) gerade erst vermisst gemeldet. Wären da noch der etwas wunderliche Enrico Schoppe (Anton Spieker), der im Dorf immer dann als Sündenbock herhalten muss, wenn etwas passiert, seine Mutter Heidi (Ulrike Krumbiegel) und Oberkommissar Kopp (Jörg Westphal), der Enrico auf dem Kieker gehabt zu haben scheint. Und in dem Dorf, da herrscht eine gefährliche Mischung aus Missgunst und Schweigen.

Gelungener Plot

"Muttertag" ist nicht der erste Polizeiruf, bei dem Regisseur Eoin Moore auch für das Drehbuch verantwortlich ist. "Einer von uns" (2010) und "Familiensache" (2014) stammen ebenfalls aus seiner Feder – und auch in diesem Fall hat der vielfach ausgezeichnete Ire mit einem gelungenen Plot das Fundament für ein stimmungsvolles Krimi-Drama gelegt. Denn das, was in dieser Nacht, als Kubiak starb, im "Krzywy Las", dem "krummen Wald", passiert ist, in dem die Bäume aussehen, als hätten sie versucht, vor etwas auszuweichen, das bleibt lange unklar.

Zwar fehlt dieser Geschichte, die von den Darstellern eindringlich auf die Mattscheibe gebracht wird, der Spannungsbogen, dafür steigert sich die Dramatik bis fast zur letzten Minute. Dazu beleuchtet dieser Polizeiruf eine Region, über die viele Menschen wenig wissen dürften, das durchaus mit dem ein oder anderen Klischee behaftet, insgesamt aber doch glaubwürdig und direkt. Da mag dieses Wüsterow noch so ein fiktiver Ort sein, die Gemeinde Ziethen, die als Drehort gedient hat, bietet eine Kulisse, die nicht wie eine Kulisse wirkt – und Regisseur Moore, der selbst in Brandenburg lebt, kann beweisen, dass er diese Region kennt. Und: dass er sie mag.

Wertschätzung für die Figuren

Denn das spürt der Zuschauer in jeder Minute dieses Krimis: Da ist eine Wertschätzung für die Figuren, mit all ihren Brüchen, mit all ihren Kratzern, die durch alles hindurchscheint: durch die Gewalt, die Einsamkeit, die Tristesse des Ortes. Zwar hätte man sich hier und da ein wenig mehr Feinzeichnung gewünscht, in vielem bleiben die Charaktere doch etwas zu oberflächlich, etwas zu glatt, und für die Ermittler hätte man sich, neben der netten Geschichte, die sich zwischen ihnen selbst entspinnt, etwas mehr Herausforderung gewünscht, etwas mehr Rätsel, doch macht die Emotionalität dieses Polizeirufs vieles davon wieder wett. Und so beweist diese Krimireihe einmal mehr, dass sie nicht nur Bilderbuch Deutschland mit Mord spielt, sondern sich an so etwas wie Regionenstudien versucht. Und dass sie den spröden Charme ihrer Ermittler zu mehr zu nutzen weiß als nur zu müden Kalauern.