"Wer kennt diesen Mann?" Mit dieser Frage und einem Foto versucht die Wiener Mordkommission einen Todesfall zu lösen, der ihr Rätsel aufgibt. Denn Matteo Callegari – dieser Name steht zumindest im Pass des Toten – wurde nicht nur erschossen, sondern auch wie ein Gekreuzigter an die Wand einer leerstehenden Wohnung genagelt. Der Pass allerdings ist gefälscht und Callegari kein Italiener, sondern vermutlich Osteuropäer, darauf zumindest lassen seine Zähne schließen. Und vergewaltigt wurde er auch noch – allerdings nach seinem Tod. Bloß: Spuren hinterlassen hat der Täter keine.

Doch der Aufruf ist erfolgreich. Gleich zwei Frauen melden sich bei der Polizei, die eine war mit dem Callegari, den sie als "Gavin" kennt, im Bett, die andere hat ihm eine Wohnung vermietet. Beide wollen von Eisner und Fellner wissen: "Gibt's eigentlich eine Belohnung?" Und noch jemand scheint den Toten zu kennen: Davit Nosadse (Sebastian Pass). Er jedenfalls reagiert nicht nur nervös auf das Foto in der Zeitung, sondern regelrecht panisch.

Wenigstens gibt es Zeugen rund um den Mord. Eine Frau will einen Mann in einem weißen Schutzanzug gesehen haben, wie ihn auch die Spurensicherung trägt – und einen weißen Lieferwagen. Doch Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) können den Hinweisen gar nicht schnell genug nachgehen, da gibt es schon die zweite Leiche. Und es wird nicht die letzte bleiben.

Es ist ein düsteres, kaltes Wien, dass Christopher Schier da in Szene setzt, mit fahlem Licht und verhangenem Himmel. Ein Wien, in das die auf den ersten Blick spektakulär inszenierte Ritualmordserie so nahtlos hineinpasst als wäre die Stadt bloß eine Bühne – und der Serienmörder die Hauptfigur in einem makabren Drama.

Das eigentlich Perfide daran: Weder Eisner und Fellner, noch Profilerin Henriette Cerwenka (Erika Mottl) die Eisner eigens aus dem Ruhestand holen lässt, glauben nicht an die Theorie vom perversen Serienmörder. Doch dann finden sie raus, dass die Opfer alle etwas gemeinsam haben. Und damit geht der Fall, der ordentlich politisch werden wird, erst richtig los.

Doch ein Tatort – zumal einer aus Wien – wäre kein richtiger Tatort, gäbe es da nicht die Nebenschauplätze des Zwischenmenschlichen. Der wichtigste in "Die Faust": die zweite Mordkommission, die das Innenministerium in Wien gründen will und auf deren Leitung Bibi Fellner durchaus scharf wäre. Moritz Eisner? Findet das gar nicht witzig. Denn ihre Bewerbung "stürzt ihn in einen Zwiespalt der Gefühle", so Harald Krassnitzer. "Zum einen ist er stolz, dass sie das so hervorragend macht, auf der anderen Seite ist er natürlich betrübt, dass Bibi gehen will. Denn es ist ja nicht nur eine Zweckgemeinschaft, sie verbindet auch eine tiefe Freundschaft."

Sportlich von Todesfall zu Todesfall

Derart ausgestattet, schafft es dieser Tatort von Autor Misch Zickler mit Hilfe eines stimmigen und gut getimten Musik- und Soundteppichs sowie der unaufgeregten Kamera von Thomas W. Kiennast von Anfang an Tempo aufzunehmen und dieses auch zu halten. Nach der genreüblich frühen ersten Leiche (gerade einmal vier Minuten müssen die Zuschauer warten) verliert er keine Zeit und hangelt sich sportlich von Todesfall zu Todesfall und von Spekulation zu Spekulation.

Dazu schafft es das Drehbuch, all die Konflikte und Nickeligkeiten, die im Wiener Revier schon traditionell zum Vorschein kommen, noch ein Stück auszubauen. Und so quälen sich Eisner und Fellner nicht nur durch diesen Fall, sie quälen Clemens Steinwendtner (Dominik Maringer), der sich ebenfalls für die Leitung der Mordkommission Nummer zwei interessiert, den beiden aber erstmal zur Seite gestellt wird, gleich mit. Aus dem früheren Spiel um Zuneigung und Missgunst ist Ernst geworden, nur im Unterton hört man noch etwas von dem Spott und dem Sarkasmus, die der Spielfreude des Wiener Duos so oft auf die Sprünge geholfen haben. Nicht nur das Licht in Wien ist fahl geworden dieser Tage, der Behördenalltag ist es auch.

Lediglich, wenn es an die Auflösung geht, nehmen sie das mit Wien als Bühne etwas zu wörtlich, diese Szene wirkt wie der Schluss einer Aufführung, die man schon mindestens einmal zu oft gesehen hat. Doch ansonsten hat man beim Wiener Tatort seit "Virus" dazugelernt, in dem sich Possen und Politik die Klinke in die Hand gegeben hatten. "Die Faust" ist da zurückhaltender – und gewinnt damit enorm an Wirkung.