"Kölner Bürgerwehr", "Block 4" oder "Altstadt-Spaziergang", unter solchen Namen formierten sich Anfang 2016 nach den Silvester-Übergriffen in Köln etliche Facebook-Gruppen. Ihr Ziel: in Köln mal "ordentlich aufzuräumen". Ihre Mitglieder: vorrangig Rechte und Gewalttäter.

Jetzt, ein Jahr später, nimmt sich der Tatort dieses Themas an. Mit "Wacht am Rhein" stellt er eine solche Bürgerwehr in den Mittelpunkt, die nachts durchs "Veedel" patroulliert, um nach dem Rechten zu sehen. Allen voran: Dieter Gottschalk (Sylvester Groth), eine Mischung aus AfD-Vorsänger und Versicherungsvertreter. Doch auch viele andere Bewohner sind unter den selbsternannten Aufpassern. Ladenbesitzer Adil Faras (Asad Schwarz), die junge Mutter Nina Schmitz (Nadja Bobyleva) oder der Zoohändler Peter Deisböck (Paul Herwig), seine Frau Katharina (Helene Grass) und ihr Sohn Lars (Paul Falk), die vor einiger Zeit ausgeraubt wurden.

Doch dann geht einer der Patrouillengänge schief. Während Faras und Schmitz einen Verdächtigen verfolgen, überfällt dieser eben jene Zoohandlung. Es kommt zu einem Kurzschluss, ein Tumult bricht los, drei Schüsse fallen. Und als das Licht wieder angeht, liegt Lars Deisböck tot auf dem Boden.

Natürlich geht jetzt die Hetzjagd erst richtig los. Auf den Täter, auf Ausländer, eigentlich auf jeden. Misstrauen lauert in diesem Köln plötzlich hinter jeder Ecke und jeder Ladentür. Und dann sind da auch noch die beiden Jungunternehmer Tabea Fromm (Karoline Bär) und Mike Waschke (Daniel Kuschewski), die gegenüber der Zoohandlung arbeiten und die dem gebürtigen Nordafrikaner Khalid Hamidi mal ein Praktikum vermittelt haben. Und zack! Haben Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) einen Verdächtigen.

Für einen richtigen Krimi braucht es mehr

Vielleicht haben Regisseur Sebastian Ko und Drehbuchautor Jürgen Werner gehofft, mit möglichst wenig Aufwand davon zu kommen. Mit dem ein oder anderen kleinen Überraschungseffekt zum Beispiel, wie der Bürgerwehr, die einen etwas größeren Querschnitt durch unsere Gesellschaft zeichnet, als man es erwartet. Doch für einen richtigen Krimi braucht es mehr. Einen Spannungsbogen. Echte Verdächtige und Verdächtigungen. Und nicht zuletzt ordentliche Statisten. Doch die in diesem Kölner Tatort wirken, als habe man sie sich bei der Billig-Soap "Köln 50667" ausgeliehen.

Dabei hat "Wacht am Rhein" auch eine andere Seite, hat dieser Tatort Momente, die sowohl die inneren als auch die äußeren Dramen einiger Protagonisten eindringlich schildern. Er hat Nebenrollen, deren Schauspieler eigentlich Hauptrollen verdient hätten, und er hat ein Thema, das mehr Tiefgang verdient hätte – mitsamt des kleinen und großen Rassismus und den Vorurteilen, vor denen das Buch auch Ballauf und Schenk nicht verschont. Und er zeigt auch, das es ja nicht nur diesen Rassismus gibt, sondern auch ganz schlicht den Hass auf Menschen, die das zerstören, was sich andere aufgebaut haben. Mögen es Landsleute sein oder nicht.

Da wäre zum Beispiel der Dialog zwischen dem Polizei-Assistenten Tobias Reisser (Patrick Abozen) und Adil Faras. "Herr Farras? Was macht einer wie Sie eigentlich bei der Bürgerwehr?", fragt der eine. Und die Antwort kommt prompt: "Das ist lustig, dass Sie das fragen. Was macht einer wie Sie eigentlich bei der Kölner Polizei?" Oder die Szene, als Dieter Gottschalk vor der Zoohandlung zu einer Demonstration aufruft, als die Mutter des Toten an den Tatort will. "Mach deine Propaganda woanders, aber nicht hier, wo mein Kind gestorben ist!", ruft sie. Doch bei solchen Ansätzen belässt es dieser Tatort. Tiefer mag er nicht gehen. Oder er kann es nicht.

Asad Schwarz und Karoline Bär spielen sich in Rage

Einzig, was sich zwischen Faras und Nina Schmitz entspinnt, die in "Wacht am Rhein" ein ganz eigenes, dunkles und grausames Kapitel aufschlagen, hat erzählerisches Potenzial. Nicht nur die beiden Figuren, auch Asad Schwarz und Karoline Bär scheinen sich von Minute zu Minute in Rage zu spielen. Würde man nicht immer wieder von all den anderen teils schon banalen Szenen abgelenkt, hier könnte sich großes Kino entwickeln.

Der Kontrast zwischen den beiden Erzählsträngen, zwischen plattem Krimi und drastischer Tragödie, er ist so groß, wie man es sich eigentlich gar nicht ausdenken kann. Und so zerstört er alles, was das Drehbuch hergegeben hätte. Dass die Beweisführung, die Ballauf und Schenk schlussendlich durchführen, viel zu spät kommt und eigentlich ganz am Anfang hätte passieren müssen, macht den Braten dann auch nicht mehr fett. Da ist "Wacht am Rhein" schon gekippt, da hat der Zuschauer schon Schwierigkeiten, diesen Tatort noch ernst zu nehmen. Anders als das Thema selbst. Das dürfte sich auch 2017 lange noch nicht erledigt haben.