Das erste Opfer in diesem Tatort heißt Striezel, ein rot getigerter Kater. Gleich danach taucht ein namenloser Dackel auf. Beide tiefgefroren, beide in der Kühltruhe von Nils Engels (Jan Krauter). Irgendwas scheint der Junge Mann gegen Tiere zu haben.

Engels lebt, verschanzt und verdrahtet, in einem Luxus-Bungalow in einem Frankfurter Vorort und im Klinsch mit den Nachbarn. Hier, an diesem "Wendehammer", macht jeder jedem das Leben zur Hölle.

Man hätte es dabei belassen und einen richtig guten Krimi auf engstem Raum drehen können. Doch dieser Tatort will mehr, er will irgendwie Relevanz erzeugen, ein größeres Ganzes diskutieren, mitspielen im Diskurs. Und wenn ein Tatort das will, bleiben nicht viele Themen. Rassismus, Terrorismus, Digitalisierung. Peng. Und meistens, da geht das schief.

Angst vor dem Fortschritt

Es wundert nach diesen 90 Minuten nicht mehr, dass die Angst vor dem Fortschritt in Deutschland so groß ist – wenn Internetseiten im Tatort aussehen, als hätte sie ein unterbezahlter Praktikant in den späten 90ern entworfen und wenn Computerprogramme und vernetzte Häuser Geräusche machen, als entstammten sie einer Low-Budget-Science-Fiction-Produktion, wenn die Technik uns alle versklavt und es nur noch Schwarz und Weiß gibt: das digitale Böse und das analoge Gute.

Und dann dieser Hauptverdächtige, Nils Krauter, irgendwo zwischen hochbegabt und zutiefst verstört. Auch der macht ständig Geräusche. Wenn er mit den Augen klimpert, surrt es, als stelle sich in Millisekunden ein Objektiv scharf. Klar, auf welche Seite der gehört.

Den Höhepunkt erreicht diese als Krimi getarnte Fortschrittskritik, wenn Kommissar Brix (Wolfram Koch) per Video-Chat mit einem Gründer in San José verbunden ist. Im Hintergrund Palmen und blauer Himmel, im Vordergrund ein von einem weißlichen Strahlen umgebener Möchtegern-Hipster mit halb fertigem Bart, zu kleiner Brille, Discounter-Kapuzenpulli und hanebüchen schlecht gespieltem englischen Akzent. Das alles wirkt so amateurhaft absurd, man möchte eine Partie Sim City spielen, um wieder runterzukommen.

Das Gegenstück dazu sind nicht nur die Nachbarn von Krauter, sondern auch die beiden Ermittler in ihrem überkommen schludrigen Kommissariat, und es ist erstaunlicherweise auch der Kompagnon von Krauter, Daniel (Constantin von Jascheroff), der in seiner ansonsten puristischen und durchaus Startup-Klischee-tauglichen Wohnung ausgerechnet ein paar High-End-Lautsprecher stehen hat, die vor 20 Jahren mal futuristisch gewesen sein mögen, heute aber schon wieder als altmodisch gelten.

Was zu Hölle ist bloß los mit Drehbuchautoren?

Das also sind die beiden Pole, zwischen denen man beim Hessischen Rundfunk so etwas wie einen Generationen- oder Gesellschaftskonflikt ansiedeln will: Brix und Daniel vor den gewaltigen Tönern dieser Anlage, die, beinahe schon versöhnlich, Stevie Ray Vaughan hören, als sei er das Klang gewordene Vermächtnis einer vergangenen, besseren Zeit. Oder der paranoid-schizophrene Krauter in seinem voll vernetzten und abgesicherten Haus, dem dieser Tatort Kommissariatsleiter Riefenstahl (Roeland Wiesnekker) gegenüberstellt, wie er täppisch Befehle in seinen altmodischen Computer hackt. Was zu Hölle ist bloß los mit Drehbuchautoren, die sich eine solch kulturpessimistische Sauce ausdenken? Diese Frage stellt sich umso mehr, als eine der Protagonistinnen, Transvestit Fanny (Zazie de Paris), irgendwann sagt: "Dieses kulturpessimistische Gequake, das mag ich mir gar nicht anhören!" Was also ist das hier? Eine Parodie auf sich selbst?

Wäre diese Sauce doch wenigstens gut gewürzt! Dabei böte dieses ganze Konstrukt so viel Potenzial. Die Siedlung am Wendehammer, die Charaktere zwischen verschroben und banal, das durchaus spannende Thema der globalen Vernetzung. Doch nicht nur der Plot macht diesem Tatort am Ende einen Strich durch die Rechnung, auch die einfallslosen, hölzernen Dialoge verlangen den zu oft unterforderten Schauspielern kaum wirklich etwas ab. Und wenn es dann nach gut einer Stunde endlich die erste echte Leiche gibt und „Wendehammer“ doch noch Fahrt aufnehmen könnte, passiert auf brutalstmögliche Art und Weise das Gegenteil: Regisseur Markus Imboden flüchtet sich in eine dystopische Apokalypse, gepaart mit leicht pilcheresken Momenten – all die unfreiwillige Komik, die in einem solchen Spagat steckt, inklusive.

Nach dem Bremer Duo vor wenigen Wochen muss sich nun also auch das Frankfurter Ermittlerpaar die Zähne am Thema Digitalisierung ausbeißen. Und so wird dieser "Wendehammer" als weiteres Sinnbild für den öffentlich-rechtlichen Blick auf unsere Gegenwart und Zukunft in Erinnerung bleiben. Gute Nacht, ARD.