Es wird oft gesagt, ist aber selten der Fall, dass etwas "Geschichte" macht. Der 9. November 1989, der Tag des Mauerfalls, war so ein Tag, in dessen Verlauf klar wurde, dass sich die Welt "sofort und unverzüglich" ein für alle Mal geändert hatte. Ein einziger Satz hatte dafür genügt: "Nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich", hatte Günter Schabowski, Mitglied des Zentralkomitees der SED, auf einer Pressekonferenz in Berlin gesagt. Damit waren für alle DDR-Bürger Reisen ins Ausland, in den Westen, möglich geworden. Nach diesem Jahr, das im Naturschutz als "Jahr des Teichrohrsängers" hatte gelten sollen, war nur wenig noch wie vorher. Mit der Welt aber änderte sich nicht nur die Politik und das Leben vieler Menschen, sondern auch das Denken. Und zwar nachhaltiger als man das meinen sollte. Lange Zeit wurde nach diesem Abend die große, analytische Aufarbeitung des Geschehenen gefordert. Das deutsche Feuilleton hoffte, nach all dem Reden über Bananen, auf "den großen deutschen Wenderoman". Dass dieser in den letzten 30 Jahren eher nicht erschienen ist, hat damit zu tun, dass sich mit der Welt eben auch das Denken und die Kunst für immer verändert hat. Das diesjährige Münchner Literaturfest wird der Frage nach diesem veränderten Denken mit Schriftstellern aus aller Welt nachgehen. In enger Zusammenarbeit mit dem Kurator des Festivals Ingo Schulze, der selbst – etwa in seinem berühmten Erzählband "Simple Storys" – das Leben der Ostdeutschen nach der Wende thematisiert, hat der Filmemacher Andreas Ammer Schriftsteller, Professoren, Zeitzeugen, aber auch Partyveranstalter (die Love Parade fand 1989 zum ersten Mal statt) über die Welt befragt, die sich an diesem Abend geändert hat.