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WDR
Di., 01.01.
14:15 - 15:00
1986


Die nackte Wahrheit? 1986 war das Jahr der Fake-News in den 80ern, obwohl es den Begriff noch gar nicht gab. Ständig veränderten sich die Fakten: Da gab es den verstrahlten Regen aus Tschernobyl. Der war aber nicht so schlimm, sagten die Politiker. Da waren entführte Aufbauhelfer aus Wuppertal. Die waren selbst schuld, sagte der US-Außenminister. Der Rhein war rot. Alles ganz harmlos, sagte die Chemieindustrie. Alles Märchen und Lügen, die man uns auftischte! Aber alles Schlechte hat auch etwas Gutes und das zeigte sich 1986. Manchmal muss man täuschen, um die Wahrheit aufzudecken. Günter Wallraff war darin ein Meister, und sein Film: "Ganz unten" lockte über eine Viertelmillion Zuschauer ins Kino. "Eine Gefährdung ist absolut auszuschließen" tönte Innenminister Zimmermann, als die Nachrichten vom Reaktorunglück in der Ukraine Deutschland erreichten. Kurz darauf wurde die Einfuhr von Nahrungsmitteln aus sieben osteuropäischen Staaten von der EG verboten, ebenso der Verkauf von Feldgemüse und -Obst aus NRW. Ein junger Radiologe aus Bochum wollte es genau wissen, und zog mit dem Geigerzähler los: In Hamm-Uentrop stellte Dietrich Grönemeyer erhöhte Strahlendosen fest, die nicht aus Tschernobyl stammen konnten sondern aus dem nahen Kernkraftwerk. Alles Abstreiten half nichts: Auch dort war Radioaktivität ausgetreten. Solche und andere Lügen führten dazu, dass das Vertrauen der Bevölkerung in die Atomkraft nachhaltig erschüttert wurde. Kapitalismus? Kommunismus? Keiner hat die Wahrheit für sich gepachtet. Vielleicht gab es ja so etwas wie einen dritten Weg. Immer mehr junge Menschen gingen deshalb nach Nicaragua. Doch im Frühjahr 86 wurden 12 dieser Aufbauhelfer von "Contras" entführt. Vier von ihnen konnten fliehen, darunter Dagmar Vogel aus Oberhausen. Die Entführung schlug Wellen bis in höchste Regierungskreise. Der amerikanische Außenminister behauptete dreist, die Aufbauhelfer seien bewaffnet gewesen, und damit Kriegspartei. Eine glatte Lüge. Im Sommer brach in NRW mal wieder WM-Fieber aus: Toni Schumacher hatte die deutsche Mannschaft mit seinen Paraden ins Finale gerettet. Aber ausgerechnet im Endspiel ließ der Nationaltorwart aus Düren drei Bälle durch. Aber die Wahrheit ist: Ein schlechter Tag macht keinen schlechten Fußballer Rot schillerte das Wasser, Fische trieben Kiel oben. Nach dem Großbrand beim Schweizer Chemiekonzern Sandoz war das Feuer schnell gelöscht, der Rhein aber verseucht. Alles harmlos, sagte der Betrieb. Kurz darauf schwappte die zweite Giftwelle den Rhein hinab, diesmal von BASF in Karlsruhe. Auch ungefährlich. Und dann? In der Not konnten die meisten Rhein-Gemeinden auf alternative Wasserversorgung umstellen. Die 13.000 Einwohner der Stadt Unkel aber hingen vom Rheinwasser ab. "Und das wurde uns einfach abgedreht", erzählt Elisabeth Barth. Das rheinland-pfälzische Städtchen wurde von der Feuerwehr aus Tanklastern versorgt, zwei Wochen lang. Bis aus NRW Rettung kam. Schicht im Schacht: Als letzte Essener Zeche machte Zollverein im Dezember 1986 den Deckel auf den Pütt. Das Ende einer Ära, und das ausgerechnet am Tag vor Heiligabend! Günter Stoppa wickelte Zollverein mit ab und schüttelte den Kopf über die seltsamen Menschen vom Denkmalschutz. Die wollten aus der Zeche ein Museum machen. Inzwischen ist Zollverein Weltkulturerbe und quicklebendig. In Wahrheit ist eben jedes Ende auch ein Anfang.


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