Klavier spielt man mit zwei Händen. Normalerweise. Aber was ist schon normal? Schon im 19. Jahrhundert haben Komponisten mit einhändigem Klavierspiel experimentiert: Sie komponierten Werke für die linke Hand - für die vermeintlich "schlechtere", weil motorisch nicht so trainierte Hand. Im Ersten Weltkrieg verliert der Wiener Industriellensohn Paul Wittgenstein seinen rechten Arm. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, Pianist zu werden, um jeden Preis. Also gab er bei den großen Komponisten seiner Zeit Werke für seine linke Hand in Auftrag. Entstanden sind Werke, die klanglich, technisch und musikalisch so brillant sind, dass sie mittlerweile viele Pianist*innen faszinieren. So außergewöhnlich Wittgensteins Geschichte klingen mag - sie schreibt sich fort bis heute. Sein Schicksal ist kein Einzelfall: Auch Pianisten wie Leon Fleisher oder Antoine Rebstein waren in ihrer Karriere gezwungen, einhändig zu spielen. Sie haben das Repertoire populär und die Geschichte des linkshändigen Spiels berühmt gemacht. So auch der Neurophysiologe Prof. Eckart Altenmüller, der auf Musiker*innen spezialisiert ist, denen in ihrer Karriere der Körper versagt. Dass Musik immer dann besonders ist und uns berührt, wenn sie etwas Neuartiges eröffnet, zeigt der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard: Er spielt das Klavierkonzert für die linke Hand und schreibt als zweihändiger Pianist die Geschichte Wittgensteins auf brillante Weise fort.