Der Mann, der in Vater James Lavelles Beichtstuhl sitzt, erzählt scheinbar emotionslos von seiner Kindheit, in der er von einem Priester missbraucht wurde. Er schliesst seine Beichte mit einer Drohung: Seine Vergeltung soll nicht den Schuldigen - der in der Zwischenzeit gestorben ist - treffen, sondern Vater Lavelle: «Es würde nichts bringen, einen bösen Priester zu töten. Aber einen guten zu töten, das wäre doch mal ein Schock. Ich werde euch umbringen, weil ihr nicht schuldig seid.» Dem gutmütigen Lavelle, der sich seinen Lebtag nie etwas zuschulden kommen hat lassen und alles tut, um seiner kleinen Gemeinde im Nordwesten Irlands zu dienen, bleibt noch eine Woche Zeit, um seine Angelegenheiten auf Erden zu regeln. Bevor er am Sonntag sterben soll. Lavelle, der das Beichtgeheimnis wahren will und nicht zur Polizei geht, beschliesst, nicht wegzulaufen. Er will weiterhin seine Pflicht zu tun, die Mitglieder seiner Pfarrgemeinde treffen und dabei seinen Mörder von der Güte Gottes überzeugen. Er trifft seine Tochter , die sich von ihm vernachlässigt fühlt und deswegen schon mehrere Selbstmordversuche hinter sich hat, spricht mit dem zynischen Chirurgen Harte und redet dem Metzger Jack Brennan ins Gewissen, der wenig zimperlich mit seiner Frau umgeht. Er hat eine ungewöhnliche Begegnung mit einem von seinem Reichtum angeekelten Börsenmillionär und hört den Klagen eines US-amerikanischen Erfolgsautors, der vom Leben und Schreiben genug hat, ebenso zu wie den Hasstiraden des jungen Massenmörders Freddie Joyce . Die meisten seiner «Schäfchen» halten wenig von Lavelles Güte und seiner Idee von Vergebung. Und die Begegnungen lassen ihn immer mehr an seinem Glauben zweifeln - bis er am Sonntag auf seinen Mörder trifft. Unter dem viel sagenden Originaltitel «Calvary» - auf Englisch der Hügel Golgotha , auf dem Jesus starb - schickt Drehbuchautor und Regisseur John Michael McDonagh seine Hauptfigur auf eine Art Pilgerweg. Die ungewöhnliche Geschichte um Rache und Vergebung spielt gleichzeitig auch konkret auf die jüngere irische Geschichte und die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche an. Nach dem schwarzhumorigen Thriller «The Guard» ist «Calvary» die zweite Zusammenarbeit von McDonagh mit Brendan Gleeson. McDonaghs Bruder Martin hatte zuvor schon bei «In Bruges» mit dem Iren zusammengearbeitet. Gleeson ist seit seinem Filmdebüt 1990 in nahezu hundert irischen, britischen, aber auch Hollywoodproduktionen aufgetreten. Ob als skrupelloser Gangster in einer Nebenrolle oder als melancholischer Priester in der Hauptrolle: Mit seiner Präsenz stiehlt der rothaarige Hüne seinen Kostars nicht selten die Show. Die "FAZ" schwärmt von seinem Charisma in «Calvary»: «Gleeson bringt den Film zum Leuchten. Vielleicht ist es die Tatsache, dass er hier zum ersten Mal unbewaffnet auftreten muss, die ihm die wilde Energie verleiht, die von ihm ausgeht. Als er einmal doch eine Pistole in die Hand bekommt, wirft er sie in hohem Bogen ins Meer. Es hat tatsächlich etwas Entwaffnendes, Vater James dabei zuzusehen, wie er seinem Verhängnis entgegenläuft.»