Für die Anthropologin Nicole Belmont verkörpert Aschenputtel im klassischen Sinne das junge Mädchen, das von zu Hause ausziehen muss, um selbst eine Familie zu gründen. Aschenputtel ist eine mythische und zugleich allgemeingültige Figur, die in allen Ländern und zu allen Zeiten bekannt war. Der Dokumentarfilm folgt den Spuren der Märchenfigur bis ins China des 9. Jahrhunderts, wo die älteste schriftliche Quelle des Märchens gefunden wurde. In Europa gab die Landbevölkerung die Geschichte mündlich weiter, bevor sie durch Charles Perrault und die Brüder Grimm auf Papier gebannt wurde. In den verschiedenen Versionen trifft Aschenputtel, auch Aschenbrödel genannt, ihren Prinz mal auf dem Ball, mal im Gottesdienst. Die Leitmotive des Märchens - Asche, Ausgehverbot, Ball und verlorener Schuh - blieben immer gleich, änderten mit der Zeit jedoch ihre Bedeutung. Aschenputtel passte sich stets ihrer Epoche an, und in modernen Adaptionen wurde die böse Stiefmutter zur Kreditkarte und der Prinz zum Tycoon. Selbst Feministinnen nahmen sich der Figur an und stellten der perfekten Hausfrau aus dem Disneyfilm eine utopische Powerfrau gegenüber, wie sie Drew Barrymore in der Cinderella-Verfilmung "Auf immer und ewig" verkörperte. Künstler wie Joël Pommerat, Rudolf Nurejew, Billy Wilder und Agnès Jaoui ließen das Aschenputtel in Filmen, Opern und Theaterstücken wieder aufleben. Und bewiesen: Das Märchen hat nichts von seiner Strahlkraft verloren.