Das Geiseldrama von Gladbeck

  • Emanuele De Giorgi rettete seine Schwester Tatiana damals in der verhängnisvollen Nacht. Zu seiner Trauerfeier in Italien kamen 25.000 Gäste. Vergrößern
    Emanuele De Giorgi rettete seine Schwester Tatiana damals in der verhängnisvollen Nacht. Zu seiner Trauerfeier in Italien kamen 25.000 Gäste.
    Fotoquelle: ZDF/Radio Bremen/Lür Wangenh
  • Pressefotograf Peter Meyer fungierte während der Geiselnahme in Bremen als Vermittler zwischen Verbrechern und Polizei. Kritik an seiner damaligen Rolle trifft ihn bis heute schwer. Vergrößern
    Pressefotograf Peter Meyer fungierte während der Geiselnahme in Bremen als Vermittler zwischen Verbrechern und Polizei. Kritik an seiner damaligen Rolle trifft ihn bis heute schwer.
    Fotoquelle: ZDF/Radio Bremen/Alice Polan
  • Johnny Bastiampillai saß als 7-Jähriger im Geiselbus. Die Geiselnahme hat ihn über Jahre geprägt. Vergrößern
    Johnny Bastiampillai saß als 7-Jähriger im Geiselbus. Die Geiselnahme hat ihn über Jahre geprägt.
    Fotoquelle: ZDF/Radio Bremen/Lür Wangenh
  • Für Karin R. vergeht kein Tag, an dem sie nicht an ihre Silke denkt. Die Sinnlosigkeit ihres Todes, die Frage nach dem Warum quälen sie bis heute. Vergrößern
    Für Karin R. vergeht kein Tag, an dem sie nicht an ihre Silke denkt. Die Sinnlosigkeit ihres Todes, die Frage nach dem Warum quälen sie bis heute.
    Fotoquelle: ZDF/Radio Bremen/Lür Wangenh
  • Aldo, Guiseppina und Fabio De Giorgi bleiben nur noch die Photographien von ihrem Sohn und Bruder Emanuele. Er war 15 Jahre alt, als er von Dieter Degowski erschossen wurde. Vergrößern
    Aldo, Guiseppina und Fabio De Giorgi bleiben nur noch die Photographien von ihrem Sohn und Bruder Emanuele. Er war 15 Jahre alt, als er von Dieter Degowski erschossen wurde.
    Fotoquelle: ZDF/Radio Bremen/Lür Wangenh
  • Martin Thomas versuchte, die Geiselnahme im Bremer Untersuchungsausschuss aufzuarbeiten. Das Versagen der Bremer Polizei macht ihn bis heute wütend: "Der Tod Emanueles hätte verhindert werden können." Vergrößern
    Martin Thomas versuchte, die Geiselnahme im Bremer Untersuchungsausschuss aufzuarbeiten. Das Versagen der Bremer Polizei macht ihn bis heute wütend: "Der Tod Emanueles hätte verhindert werden können."
    Fotoquelle: ZDF/Radio Bremen/Lür Wangenh
  • Tatiana Algrimi, geborene De Giorgi, war vor 30 Jahren Geisel der Gladbecker Bankräuber. Durch den tödlichen Schuss von Dieter Degowski verlor sie ihren Bruder Emanuele. Sie leidet bis heute unter diesem Trauma. Vergrößern
    Tatiana Algrimi, geborene De Giorgi, war vor 30 Jahren Geisel der Gladbecker Bankräuber. Durch den tödlichen Schuss von Dieter Degowski verlor sie ihren Bruder Emanuele. Sie leidet bis heute unter diesem Trauma.
    Fotoquelle: ZDF/Radio Bremen/Lür Wangenh
  • Peter Meyer arbeitet heute noch als Fotograf. Er glaubt bis heute, dass die Geiselnahme unblutig hätte ausgehen können. Vergrößern
    Peter Meyer arbeitet heute noch als Fotograf. Er glaubt bis heute, dass die Geiselnahme unblutig hätte ausgehen können.
    Fotoquelle: ZDF/Radio Bremen/Alice Polan
  • Karin R. verlor durch die Geiselnahme ihre Tochter Silke Bischoff. Auch 30 Jahre danach kann sie Silkes Tod nicht fassen. Vergrößern
    Karin R. verlor durch die Geiselnahme ihre Tochter Silke Bischoff. Auch 30 Jahre danach kann sie Silkes Tod nicht fassen.
    Fotoquelle: ZDF/Radio Bremen/Lür Wangenh
Report, Dokumentation
Das Geiseldrama von Gladbeck

Infos
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2018
3sat
Fr., 17.08.
20:15 - 21:00
Danach war alles anders


Das Gladbecker Geiseldrama zählt zu den dramatischsten Verbrechen der Nachkriegsgeschichte. Keine andere Straftat steht so sehr für mediale Grenzüberschreitung und polizeiliches Versagen. 54 Stunden lang hält das Geiseldrama im August 1988 die Republik in Atem - und Millionen Zuschauer sind live am Fernseher dabei. Die Dokumentation fokussiert die persönliche, ganz individuelle Perspektive der Opfer und weiterer beteiligter Akteure. Die Berufskriminellen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski überfallen am 16. August 1988 die Deutsche-Bank-Filiale in Gladbeck und nehmen zwei Geiseln. Die Polizei gewährt ihnen Abzug mitsamt der Geiseln und Lösegeld im Fluchtauto. Eine blutige Irrfahrt beginnt. In Bremen nimmt die Geiselnahme eine neue Wendung: Nachdem die Polizei mehrere Zugriffsmöglichkeiten versäumt hat, kapern Rösner und Degowski am Busbahnhof Huckelriede einen Bus der Linie 53. Am Ende wird von den 30 Fahrgästen einer tot sein: Emanuele de Giorgi. Für alle anderen ändert sich alles - von einer Sekunde auf die andere, für immer. Tatiana de Giorgi ist heute 39 Jahre alt, verheiratet und hat vier Kinder. Nach Bremen ist sie nie mehr zurückgekehrt. Bis heute verfolgen sie die Bilder ihres sterbenden Bruders, ihre eigene Todesangst: "Ich habe mich danach völlig verändert. Ich verschloss mich in mir selbst, schlief nachts nicht mehr. Bis heute wache ich nachts von meinen Albträumen auf, weil meine Hände und Beine so stark zittern." Neben dem Porträt der Überlebenden und der Opfer zeichnet der Film auch das Versagen von Sicherheitskräften und Medien nach: Wie konnte es zu dieser Tragödie kommen, und warum wurde die Presse bei ihrer voyeuristischen Berichterstattung nicht gestoppt? Wie gehen die Protagonisten heute mit dem Erlebten um? Wie hat es den weiteren Verlauf ihrer Leben beeinflusst? Welche Rolle spielen die großen Fragen nach Schuld und Sühne, nach Tod und Leben? Und was gibt Hoffnung, lässt Menschen weitermachen? Johnny Bastiampillai war gerade mit seiner Mutter aus dem Bürgerkrieg in Sri Lanka geflohen. Mit seiner Mutter, seiner Cousine, Onkel und Tanten hatte er eine Trauerfeier besucht, als die Gangster den Bus enterten. "Die Angst, dass man einen Menschen im Bus sterben sieht und dass man auch derjenige hätte sein können, haben alle im Bus gehabt. Mich hat das geprägt." Silke Bischoff starb im Kugelhagel auf der A3: Rösner erschoss sie während des SEK-Zugriffs. Ihre Mutter Karin konstatiert verbittert die Sinnlosigkeit von Silkes Tod: "Meine Tochter hätte nicht sterben müssen. Ich empfinde nur Wut und Hass. Das bleibt. Ich habe das immer noch vor Augen, ich träume davon. Das bleibt in mir." Die Dokumentation zeigt auch, welche Spuren traumatische Erlebnisse in den Seelen und Lebensläufen der Betroffenen hinterlassen. In Zeiten von Terroranschlägen, politisch aufgeheizten Gefahrenlagen und medialer Omnipräsenz können die Tage im Sommer 1988 als Blaupause für heutige Ausnahmezustände gesehen werden. Der Film gibt den Menschen und Geschichten hinter dem Ereignis ein Gesicht.
Das Gladbecker Geiseldrama im August 1988 zählt bis heute zu den spektakulärsten und gleichzeitig dramatischsten Verbrechen der Nachkriegsgeschichte. Nachdem HansJürgen-Rösner und Dieter Degowski um kurz vor acht Uhr morgens eine Bankfiliale im nordrhein-westfälischen Gladbeck überfallen haben, eskaliert die Situation. Die Täter nehmen zwei Bankangestellte als Geiseln. Am Abend gewährt ihnen die Polizei den beobachtungsfreien Abzug mitsamt der Geiseln und 300.000 Mark Lösegeld im Fluchtauto.
Eine Irrfahrt beginnt. 54 Stunden lang hält das Geiseldrama die Menschen in der Bundesrepublik in Atem, und Millionen Zuschauer sind live am Fernseher dabei. Kein anderes Verbrechen steht so sehr für mediale Grenzüberschreitung und polizeiliches Versagen.
In Bremen nimmt die Geiselnahme eine neue Wendung: Nachdem die Polizei mehrere Zugriffsmöglichkeiten versäumt hat, kapern Rösner und Degowski am Busbahnhof Huckelriede einen Bus der Linie 53. Am Ende gibt es unter den 30 Fahrgästen zwei Todesopfer: Emanuele de Giorgi und Silke Bischoff. Für alle anderen ändert sich alles von einer Sekunde auf die andere. Für immer.
Die Radio-Bremen-Dokumentation fokussiert die persönliche, ganz individuelle Perspektive der Opfer, ihrer Angehörigen und weiterer beteiligter Akteure des Geiseldramas im Sommer 1988.
Tatiana de Giorgi ist heute 39 Jahre alt, verheiratet und hat vier Kinder. Sie ist die Schwester des ermordeten Emanuele. Nach Bremen ist sie nie mehr zurückgekehrt. Bis heute verfolgen sie die Bilder ihres sterbenden Bruders, ihre eigene Todesangst: "Ich habe mich danach völlig verändert. Ich verschloss mich in mir selbst, schlief nachts nicht mehr. Bis heute wache ich nachts von meinen Albträumen auf, weil meine Hände und Beine so stark zittern."
Kurz nach dem Drama ging die Familie De Giorgi zurück nach Italien. Vor allem Mutter Giuseppina konnte das Leben in Bremen nicht mehr ertragen, zu viel erinnerte sie an Emanuele: "Wäre er an einer Krankheit gestorben, hätte ich es mit den Jahren vielleicht verkraftet. Aber so wache ich nachts auf und denke an mein Kind. Immer." Ihren Ehemann Aldo plagt seit 30 Jahren die Frage nach dem Warum: "Seitdem denke ich an Rache. Aber dann gehe ich zum Grab meines Sohnes, schaue auf sein Foto und es ist so, als wolle er mir sagen: Papa, an dem Tag, wo warst du da?"
Neben dem Porträt der Überlebenden und der Opfer zeichnet der Film von Nadja Kölling auch das Versagen von Sicherheitskräften und Medien nach: Wie konnte es zu dieser Tragödie kommen und warum wurde die Presse bei ihrer voyeuristischen Berichterstattung nicht gestoppt? Wie gehen die Protagonisten heute mit dem Erlebten um? Wie hat es den weiteren Verlauf ihres Lebens beeinflusst? Welche Rolle spielen die großen Fragen nach Schuld und Sühne, nach Tod und Leben? Und was gibt Hoffnung, lässt Menschen weitermachen?
Johnny Bastiampillai war damals gerade mit seiner Mutter aus dem Bürgerkrieg in Sri Lanka geflohen. Zusammen mit ihr und sieben weiteren Familienmitgliedern hatte er eine Trauerfeier besucht, als die Gangster den Bus entern. "Die Angst, dass man einen Menschen im Bus sterben sieht und dass man auch derjenige hätte sein können, haben alle im Bus gehabt. Mich hat das geprägt."
Silke Bischoff starb im Verlauf der Schießerei auf der A3. Sie wurde von Rösner während des Zugriffs durch das Spezialeinsatzkommando erschossen. Ihre Mutter Karin konstatiert verbittert die Sinnlosigkeit von Silkes Tod: "Meine Tochter hätte nicht sterben müssen. Ich empfinde nur Wut und Hass. Das bleibt. Ich habe das immer noch vor Augen, ich träume davon. Das bleibt in mir."
Die Dokumentation zeigt auch, welche Spuren traumatische Erlebnisse in den Seelen und Lebensläufen der Betroffenen hinterlassen. In Zeiten von Terroranschlägen, politisch aufgeheizten Gefahrenlagen und medialer Omnipräsenz können die Tage im Sommer 1988 als Blaupause für heutige Ausnahmezustände gesehen werden. Der Film gibt den Menschen und Geschichten hinter dem Ereignis ein Gesicht.


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