Das Geiseldrama von Gladbeck

Report, Dokumentation
Das Geiseldrama von Gladbeck

Infos
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2018
tagesschau24
So., 19.08.
01:15 - 02:00
Danach war alles anders


Das Gladbecker Geiseldrama zählt zu den dramatischsten Verbrechen der Nachkriegsgeschichte. Keine andere Straftat steht so sehr für mediale Grenzüberschreitung und polizeiliches Versagen.
54 Stunden lang hält das Geiseldrama im August 1988 die Republik in Atem - und Millionen Zuschauer sind live am Fernseher dabei. Die Dokumentation fokussiert die persönliche, ganz individuelle Perspektive der Opfer und weiterer beteiligter Akteure.
Die Berufskriminellen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski überfallen am 16. August 1988 die Deutsche-Bank-Filiale in Gladbeck und nehmen zwei Geiseln. Die Polizei gewährt ihnen Abzug mitsamt der Geiseln und Lösegeld im Fluchtauto. Eine blutige Irrfahrt beginnt.
In Bremen nimmt die Geiselnahme eine neue Wendung: Nachdem die Polizei mehrere Zugriffsmöglichkeiten versäumt hat, kapern Rösner und Degowski am Busbahnhof Huckelriede einen Bus der Linie 53. Am Ende wird von den 30 Fahrgästen einer tot sein: Emanuele de Giorgi. Für alle anderen ändert sich alles - von einer Sekunde auf die andere, für immer.
Tatiana de Giorgi ist heute 39 Jahre alt, verheiratet und hat vier Kinder. Nach Bremen ist sie nie mehr zurückgekehrt. Bis heute verfolgen sie die Bilder ihres sterbenden Bruders, ihre eigene Todesangst: "Ich habe mich danach völlig verändert. Ich verschloss mich in mir selbst, schlief nachts nicht mehr. Bis heute wache ich nachts von meinen Albträumen auf, weil meine Hände und Beine so stark zittern."
Neben dem Porträt der Überlebenden und der Opfer zeichnet der Film auch das Versagen von Sicherheitskräften und Medien nach: Wie konnte es zu dieser Tragödie kommen, und warum wurde die Presse bei ihrer voyeuristischen Berichterstattung nicht gestoppt? Wie gehen die Protagonisten heute mit dem Erlebten um? Wie hat es den weiteren Verlauf ihrer Leben beeinflusst? Welche Rolle spielen die großen Fragen nach Schuld und Sühne, nach Tod und Leben? Und was gibt Hoffnung, lässt Menschen weitermachen?
Johnny Bastiampillai war gerade mit seiner Mutter aus dem Bürgerkrieg in Sri Lanka geflohen. Mit seiner Mutter, seiner Cousine, Onkel und Tanten hatte er eine Trauerfeier besucht, als die Gangster den Bus enterten. "Die Angst, dass man einen Menschen im Bus sterben sieht und dass man auch derjenige hätte sein können, haben alle im Bus gehabt. Mich hat das geprägt."
Silke Bischoff starb im Kugelhagel auf der A3: Rösner erschoss sie während des SEK-Zugriffs. Ihre Mutter Karin konstatiert verbittert die Sinnlosigkeit von Silkes Tod: "Meine Tochter hätte nicht sterben müssen. Ich empfinde nur Wut und Hass. Das bleibt. Ich habe das immer noch vor Augen, ich träume davon. Das bleibt in mir."
Die Dokumentation zeigt auch, welche Spuren traumatische Erlebnisse in den Seelen und Lebensläufen der Betroffenen hinterlassen. In Zeiten von Terroranschlägen, politisch aufgeheizten Gefahrenlagen und medialer Omnipräsenz können die Tage im Sommer 1988 als Blaupause für heutige Ausnahmezustände gesehen werden. Der Film gibt den Menschen und Geschichten hinter dem Ereignis ein Gesicht.


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