Auf dem ersten Blick ist Ötigheim ein Dorf in der Rheinebene wie Dutzende andere: 4.500 Einwohner, acht Gasthäuser, eine Grund - und Hauptschule, S-Bahnhaltestelle. Doch in einem Punkt unterscheidet sich Ötigheim nicht nur von seinen Nachbargemeinden, sondern auch von fast allen Dörfern Deutschlands. Fast jeder Einwohner hier hat einen Nebenberuf: Schauspieler oder Bühnentechniker. Denn: Hier steht die größte deutsche Freilichtbühne, die Volksschauspiele Ötigheim, 1906 vom Ortspfarrer Josef Saier gegründet. Seitdem pilgern - Sommersaison für Sommersaison - bis zu 100.000 Besucher zu den Vorstellungen, eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. Denn was in Ötigheim passiert, klingt wie ein Patentrezept gegen Phänomene wie Landflucht oder Dörfersterben: Die Einwohner haben etwas, was sie zusammenhält. Eine der Hauptaufgaben eines jeden Ötigheim-Regisseurs ist es zum Beispiel, so viele Ötigheimer wie möglich in die Inszenierungen einzubinden als Reiter, Balletteusen, Chorsänger Kostümschneider, Bühnenbildner, Inspizienten, Platzanweiser oder Kartenvorverkäufer. Im Sommer 2016 stand "Les Miserables" von Victor Hugo auf dem Spielplan. Dokumentarfilmer Harold Woetzel begleitete Ötigheim durch ein Jahr Vorbereitung, vom Casting der Schauspieler über die erste Bühnenprobe bis hin zur gefeierten Premiere.