Fünf Jahre lang sind sie zusammen zur Schule gegangen und Freunde geworden. Sie waren etwas Besonderes, "die erste Ostklasse" an einer West-Berliner Schule. Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe. Übersiedlerkinder, die legal in den West-Teil der Stadt gezogen waren, Flüchtlinge und Grenzgänger, die in Ost-Berlin wohnten und in West-Berlin zur Schule gingen. Gerüchte, dass die Grenze geschlossen werden soll, gab es im Sommer 1961 schon lange. Die Grenze der beiden Machtblöcke verläuft quer durch Europa, teilt Deutschland und geht mitten durch Berlin. Jede Stadthälfte steht für eine Weltmacht. Doch für die Berliner ist ihre Stadt nur zusammen ein Ganzes. Eine halbe Millionen Menschen wechselten täglich von Ost nach West und West nach Ost. Unter ihnen auch Rüdiger, Eva, Christian und Heidi. Im Osten durften sie kein Abitur machen, deshalb gehen sie in "die Ostklasse" auf die Kepler-Schule in Neukölln. Berlin ist die Stadt der 81 Grenzübergangsstellen, die Stadt der zwei Währungen, die Stadt, in der man beim Überqueren der Straße nicht nur das Land wechselt, sondern auch das politische System. Grenzkontrollen sind tägliche Routine auch für die Jugendlichen. Auf Schikanen sind die Grenzgänger eingestellt und listig wird hinter dem Rücken des Zollbeamten rege geschmuggelt. Die Kuriosität des kalten Krieges ist Alltag für die Schüler an der Kepler-Schule. Sie wissen, wo man für die D-Mark am günstigsten schicke Schuhe kauft, wo man für 25 Pfennig Ost ins Westkino darf und wie man für ein einziges Elvis-Foto im Osten zu viert Eis essengehen kann. 1961 pendeln zunehmend weniger Schüler zwischen den Stadthälften. Am 13. August ist die Grenze zu und den Abiturienten der Kepler-Schule aus dem Ostteil Berlins der Schulweg verschlossen.