Wie lebt es sich in einer Stadt, deren einziger Lebenszweck ein Kernkraftwerk war, das schon seit Jahren abgeschaltet ist? Visaginas im Nordosten des heutigen Litauens, in den 1970er Jahren am Reißbrett geplant und von Menschen aus allen Teilen der Sowjetunion bevölkert, ist seit 2009 seiner Bestimmung beraubt: Das Atomkraftwerk Ignalina wurde abgeschaltet, andere Industrien gibt es hier nicht. Und doch ist die Stadt lebendiger, als man glauben könnte. Die Stadt Visaginas entstand buchstäblich aus dem Nichts - für die Arbeiter des Kernkraftwerkes und um der westlichen Welt zu zeigen, wie modern und fortschrittlich die UdSSR war. Doch dann zerfällt die Sowjetunion und die Stadt ist plötzlich eine russische Enklave im neuen Staat Litauen - in einer Zeit wachsender geopolitischer Spannungen und einer Atmosphäre des gegenseitigen Misstrauens . Als 2009 das Kernkraftwerk vom Netz geht, verliert Visaginas seine einzige Industrie und den Hauptarbeitgeber. Was heißt das für die Stadt und ihre überwiegend russische Bevölkerung? Filmemacherin Olga Cernovaite - selbst Litauerin mit russischen Wurzeln - erzählt unaufgeregt und ohne Partei zu ergreifen vom Leben und Zusammenleben der Menschen in Visaginas, die aus den unterschiedlichsten Ecken der Sowjetunion hierher kamen und eine neue Heimat fanden. Eine Heimat, die sie auch nach dem Ende der SU und dem Wegbrechen der einzigen Industrie nicht aufgeben wollen. Dabei fragt der Film ganz universell nach dem Stellenwert von Sprache und Kultur, nach Identität und Zugehörigkeit und danach, wie verschiedene Bevölkerungsgruppen zusammenleben können - unter Wahrung der eigenen Identität, mit gegenseitigem Respekt, ohne Angst und ohne Misstrauen.