Druckfrisch
Kultur, Literatur • 27.11.2021 • 04:40 - 05:10
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Originaltitel
Druckfrisch
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2021
Kultur, Literatur

Druckfrisch

Ein über zweieinhalb Kilo schwerer Fotoband über die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel und ein verstörender Roman der französischen Autorin Marie NDiaye beschäftigen Denis Scheck in der November-Ausgabe von "Druckfrisch". "Angela Merkel. Portraits 1991-2021" von Herlinde Koelbl: 31 Jahre lang hat die Fotokünstlerin Herlinde Koelbl Angela Merkel mit der Kamera begleitet. Nicht einfach nebenbei. Sondern stets bei einem persönlichen Termin, in aller Ruhe und vor sachlich weißem Hintergrund. Entstanden ist ein einzigartiges Dokument. Die Fotoserie beginnt, 15 Jahre bevor Angela Merkel zur ersten deutschen Bundeskanzlerin gewählt wird. Merkel ist mit 37 Jahren neu im Bundestag und gilt als politische Außenseiterin. Helmut Kohl macht die Ostdeutsche zur Ministerin für Frauen und Jugend, eine Art Resteministerium. Doch die Fotografin Herlinde Koelbl beginnt damals ihr außergewöhnliches Projekt. Mit kurzen Unterbrechungen trifft sie die spätere Kanzlerin jährlich zu einem Fototermin. Es entstehen Kopf- und Körperportraits, aber auch einfühlsame Interviews, in denen sich die sonst eher verschlossene Angela Merkel erstaunlich öffnet, über sich selbst und ihr Verhältnis zu Medien und Öffentlichkeit spricht. Erste Bilder dieser Fotoserie erschienen unter anderem in Herlinde Koelbls Langzeitstudie "Spuren der Macht", in der sie neben Merkel auch andere Spitzenpolitiker wie Gerhard Schröder oder Joschka Fischer portraitierte. Dass Koelbl aber Angela Merkel Jahr für Jahr immer weiter traf, war bislang unbekannt. Das Ergebnis: eine Art Opus Magnum der Fotokünstlerin. Es offenbart die Spuren, die die Macht aber auch das Leben auf dem Menschen Angela Merkel hinterlassen haben, und ist ein beeindruckendes Dokument der deutschen Zeitgeschichte. "Die Rache ist mein" von Marie NDiaye: Wie sehr trügen einen die eigenen Erinnerungen? Was ist Wahn und was Wirklichkeit? Marie NDiaye führt ihre Leserschaft auf ein unsicheres Terrain. Das alles vor dem Hintergrund eines entsetzlichen Kindsmords. Der Fall ist grausam und viel diskutierter Stoff der französischen Boulevard-Zeitungen: Eine Mutter tötet ihre drei kleinen Kinder, darunter ein Baby, das noch gestillt wird. Ihr Ehemann bittet die eher mäßig beschäftigte Anwältin Maître Susane, die Verteidigung zu übernehmen. Denn trotz der grausamen Tat hält er an der unzerstörbaren Liebe zu seiner Frau fest. Nur eine von vielen dysfunktionalen Beziehungen im neuen Roman der französischen Schriftstellerin Marie NDiaye. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der Anwältin Maître Susane. Die meint im Ehemann der Mörderin einen Mann aus ihrer Vergangenheit wiederzuerkennen. War es eben dieser Gilles, der sie als Zehnjährige mit auf sein Zimmer nahm und ihr Leben für immer veränderte? Für Maître Susane, soviel steht fest, war es ein einschneidendes Erlebnis, nach dem sie entschied, Anwältin zu werden und sich die Haare kurz zu schneiden. Aber was ist eigentlich geschehen? Und handelt es sich am Ende gar um eine Verwechslung? Alles könnte mit allem zusammen hängen, oder auch nicht. Die Gewissheiten in Marie NDiayes Roman sind wie wackelnde Planken einer notdürftig gebauten Brücke. Wer darüber tastet, droht den Boden unter den Füßen zu verlieren. So gelingt NDiaye eine Geschichte zwischen Psycho-Thriller, Sozialstudie und großem Rätsel, dessen Geheimnisse nie ganz gelüftet werden. Empfehlung Denis Scheck: "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von Marcel Proust und "Das Proust-ABC" von Ulrike Sprenger: Die persönliche Empfehlung von Denis Scheck: Mal wieder Marcel Proust lesen! Bei der Lektüre hilft, ergänzt und bereichert ein neu aufgelegtes Proust-ABC. Dazu ein Auftritt der Blues-Skiffle Band "Black Patti". Und wie immer: Denis Schecks erfrischend pointierte Revue der Spiegel-Bestsellerliste, diesmal Belletristik.

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