Entartet, enteignet, entdeckt - Die Spur der Bilder

1945 fanden US-Soldaten zahlreiche geraubte Kunstwerke, die für das Führer-Museum Adolf Hitlers in Linz vorgesehen waren (Archivfoto). Vergrößern
1945 fanden US-Soldaten zahlreiche geraubte Kunstwerke, die für das Führer-Museum Adolf Hitlers in Linz vorgesehen waren (Archivfoto).
Fotoquelle: SWR/WDR/picture-alliance/Associated
Report, Dokumentation
Entartet, enteignet, entdeckt - Die Spur der Bilder

SWR
So., 26.08.
10:00 - 10:45


Die Kunst war kein Nebenschauplatz des Zweiten Weltkriegs. Hitlers Krieg war auch ein Krieg um wertvolle Bilder. Das hat der Fall Gurlitt ins Bewusstsein geholt. Seitdem in der Münchener Wohnung und im Salzburger Haus von Cornelius Gurlitt insgesamt über 1.300 Gemälde und Grafiken unklarer Herkunft entdeckt wurden, ist das Thema Raubkunst ebenso wie das Schicksal der entarteten Kunst wieder aktuell. Denn der Vater von Cornelius Gurlitt, Hildebrand Gurlitt, war Hitlers bevorzugter Kunsthändler. Welche Geschichten stecken hinter den aufgetauchten Bildern? Welchen Weg haben sie im Einzelnen genommen, bis sie bei Gurlitt auftauchten? Welche von ihnen wurden jüdischen Besitzern zu Spottpreisen abgepresst, welche als entartet von den Nationalsozialisten aus deutschen Museen entfernt und enteignet? Welche Rolle spielte dabei der Kunsthandel zwischen 1933 und 1945? Und wie funktionierte die große Vertuschung in den Jahrzehnten danach, bei der niemand im deutschen und internationalen Kunsthandel so genau wissen wollte, woher die Werke letztlich kamen? Das mache ich der Branche schon zum Vorwurf, dass sie die Augen verschlossen hat, sagt der deutsch-amerikanische Provenienzforscher Willi Korte. Die Dokumentation Entartet, enteignet, entdeckt verfolgt exemplarisch minutiös die Spuren dreier Bilder auf Gurlitts Liste zurück in die Vergangenheit: der Dompteuse von Otto Dix, die ursprünglich Teil der umfangreichen Sammlung des kunstverrückten Ismar Littmann in Breslau war, eines Aquarells von Wilhelm Lachnit, die nach Dresden zum Anwalt Fritz Salo Glaser führt, und eines Werks von Henri Matisse, das in Frankreich aus einer Privatsammlung geraubt wurde. "Die Deutschen haben etwa 100.000 Kulturgüter in Frankreich gestohlen, 60.000 sind zurück. Und der Rest?", so die französische Kunsthistorikerin Emmanuelle Polack, die sich im Fall Gurlitt mehr Offenheit und Zusammenarbeit wünscht. Ein Team aus Wissenschaftlern arbeitet daran, die Herkunft all der in München und Salzburg entdeckten Werke zu klären - auch, um zu entscheiden, wem sie wirklich gehören und wer sie zurückerhalten sollte. Der internationale Druck ist hoch.,,Wir sind mal wieder die Nation, die der Welt erklären muss, warum bei uns die Täter geschützt werden und die Opfer um ihre Rechte bitten: nämlich um die Rückgabe ihrer Bilder, resümiert der Kunstexperte Stefan Koldehoff, der mit seinem Buch über das Geschäft mit der NS-Raubkunst auch den Fall Gurlitt ins Visier nimmt. Die Dokumentation erzählt einen Kunstkrimi über ein Kapitel deutscher Geschichte, der Vergangenheit und Gegenwart verbindet. Sie enthüllt Mechanismen von Geschäftssinn und Gleichgültigkeit, die teilweise bis heute wirksam sind, und findet Antworten, warum im Bereich der Kunst die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 zu wenig aufgearbeitet wurde. Nun hat er seine Bilder doch nicht mehr wieder sehen können: Cornelius Gurlitt, dessen beschlagnahmter Kunstschatz seit November 2013 international für Aufregung sorgte, starb schwer krank im Mai 2014. Die von seinem Vater übernommene Bildersammlung hatte sich als schweres Erbe erwiesen.


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