Kommt die Rede auf Mitterrand, so sind die Franzosen auch heute noch gespalten: 20 Jahre nach seinem Tod verkünden nicht nur überzeugte Anhänger, sondern auch ehemalige Gegner des französischen Staatspräsidenten (1981-1995), Mitterrand sei nicht tot, sondern habe nach wie vor großen Einfluss auf führende Sozialisten. Es gibt unzählige Gedenkveranstaltungen. Der zu Lebzeiten oft auch attackierte Politiker ist zu einer gefeierten Ikone geworden, aber auch zu einem lästigen Gespenst, das hartnäckig in der Sozialistischen Partei Frankreichs herumgeistert. Was ist heute von der Ära Mitterrand geblieben? Was vom sogenannten Mitterrandismus - ein Ausdruck, den der Staatsmann verabscheute? Zum einen die Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich, privatrechtlich organisierte Rundfunksender und die Einführung der Vermögenssteuer. Außerdem die 39-Stunden-Woche, fünf Wochen bezahlter Urlaub und die Senkung des Rentenalters auf 60 Jahre. Das Gesetz über die gleiche Vergütung von Männern und Frauen. Und: Mitterrands Wirken für den Aufbau Europas - mit dem Abkommen von Maastricht. Mit starken, symbolträchtigen Gesten trug er zur Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich bei. Es bleiben jedoch auch die dunklen Seiten Mitterrands: Pétain und Mitterrands Arbeit für das Vichy-Regime, die freundschaftliche Beziehung zu René Bousquet, der an der Deportation der Juden in Frankreich an führender Stelle beteiligt war, die Hinrichtung Dutzender algerischer Untergrundaktivisten während Mitterrands Amtszeit als Minister der Vierten Republik, die Wahlerfolge des Front National und seines Vorsitzenden Jean-Marie Le Pen, die Finanzskandale, Machtspiele und Telefonabhörmaßnahmen, die lange verborgene außereheliche Tochter Mazarine, die er mit ihrer Mutter in einer staatlichen Wohnung unterbrachte, und nicht zuletzt die falschen Bulletins über seine Erkrankung. Während seiner gesamten Amtszeit baute Mitterrand mit Ehrgeiz und politischem Geschick an seiner eigenen Legende. Doch während der Ära Mitterrand zeigten sich seine Fehler und Grenzen, und so zwiespältig wie die Persönlichkeit des französischen Staatsmannes war auch seine Regierungszeit. Mitterrand sagte einmal: "Ich bin der letzte große Präsident. Der letzte in der Linie de Gaulles. Nach mir wird es in Frankreich keine anderen mehr geben." Mit der Louvre-Glaspyramide, der Bastille-Oper und nicht zuletzt mit der viertürmigen neuen Nationalbibliothek reihte er sich in die französische Tradition feudaler Machtdarstellung. So setzte sich der 79-jährig an Prostatakrebs Verstorbene bereits zu Lebzeiten Denkmäler. Für die Medien war er ein "sozialistischer Absolutist" oder "aufgeklärter Monarch", im Volksmund aber war aus dem "Onkelchen" nun "Gott" geworden.