Himba, Buschmänner und Löwen

  • Himba Frauen in Puros empfangen Touristen in ihrem Kulturdorf. Traditionelle Kleidung und Körperschmuck sind Teil des Ethno-Marketing. Vergrößern
    Himba Frauen in Puros empfangen Touristen in ihrem Kulturdorf. Traditionelle Kleidung und Körperschmuck sind Teil des Ethno-Marketing.
    Fotoquelle: ZDF/ORF/Werner Zips Filmprod
  • Lehrer und Schüler beim Bogenschießen im Lebenden Museum der Ju 'hoansi San von Grashoek. Vergrößern
    Lehrer und Schüler beim Bogenschießen im Lebenden Museum der Ju 'hoansi San von Grashoek.
    Fotoquelle: ZDF/ORF/Werner Zips Filmprod
  • Ritual vor jeder Jagd: traditionelles Feuermachen, um die unvermeidliche Morgenpfeife anzuheizen. Vergrößern
    Ritual vor jeder Jagd: traditionelles Feuermachen, um die unvermeidliche Morgenpfeife anzuheizen.
    Fotoquelle: ZDF/ORF/Werner Zips Filmprod
  • Vor einem Elephant-Healing Dance im Cultural Village des "Little Hunters Museum" der Ju ’hoansi San von Grashoek. Vergrößern
    Vor einem Elephant-Healing Dance im Cultural Village des "Little Hunters Museum" der Ju ’hoansi San von Grashoek.
    Fotoquelle: ZDF/ORF/Werner Zips Filmprod
Report, Dokumentation
Himba, Buschmänner und Löwen

3sat
Mi., 27.06.
02:35 - 03:25
Wildnis - und Kulturmarketing in Namibia


Ein Reisebus nähert sich dem San-Dorf Grashoek in Namibia. Ein Schild begrüßt die Besucher im "Bushman Living Museum". Noch im Bus beginnen die Insassen zu fotografieren. Eine typische Szene - und doch hat sie wenig gemeinsam mit üblichen Szenarien im Kultur-Tourismus. Keine anstürmenden Kinderscharen, keine laufenden Frauen, die aufgeregt Handwerkskunst anbieten und auch keine jungen Männer, die gegen Entgelt ihre Dienste anbieten. Ein einzelner San in westlicher Kleidung zückt seine Papiere, die ihn als Tourismus-Bevollmächtigten der Gemeinschaft ausweisen. Höflich fragt er nach dem Gruppenleiter und übergibt eine Mappe - in der Art einer Speisekarte - mit den kulturellen Angeboten und den dafür verlangten Preisen. Abgestuft nach der Anzahl der Touristen und der Anzahl der gewünschten Teilnehmerinnen auf San-Seite: Von einer einfachen Dorfbesichtigung bis zum Trance-Tanz, der Teilnahme an einem Kurz-Workshop zur Schmuckproduktion aus Straußenei-Schalen, dem Training im Bogenschießen, der Teilnahme an einer traditionellen Jagd, und letztlich der Verheiratung auf "Bushmen-Art" ist alles möglich. Jede Aktivität hat ihren fixen Preis und genaue Angaben über die Dauer und Art der Leistung. Im südlichen Afrika sind sogenannte "Bushmen-Walks" und Besuche beim "ockerroten Volk" der Himba ebenso allgegenwärtig wie Großwild-Safaris. Sie haben einen Beigeschmack von zivilisatorischer Ungleichheit und Ungleichzeitigkeit - als eine Art Zeitreise zu uralten, "primitiven" Kulturen. Dementsprechend finden sich in vielen Prospekten und Tourismus-Broschüren die verräterischen Worte vom Besuch in der Vorzeit oder "Steinzeit" menschlicher Kulturen. Folgt man der Auslegung der derzeit international bekanntesten Anthropologen Jean und John Comaroff, handelt es sich dabei um einen weltweiten Trend, der im südlichen Afrika vielleicht besonders auffällig ist: der Errichtung von Ethno-Themenparks oder sogenannten "Lebenden Museen". Nach ihrer Analyse im Buch "Ethnicity, Inc." kann die Musealisierung von traditionellen Kulturen aus kommerziellen Gründen zu sehr unterschiedlichen Prozessen und Situationen führen. Die möglichen Resultate solcher interkultureller Kontaktnahmen erweisen sich als keineswegs so eindeutig, wie die Vorannahmen der meisten Ethnologen erwarten ließen: Vor die Wahl gestellt, unter dem Druck staatlicher Gesetze und Verwaltungsregime ihre Lebensweise völlig aufzugeben oder einen Teil ihrer Lebenszeit in die Selbstdarstellung der kulturellen Traditionen zu investieren, bedeutet die zweite Option zumindest im besten Fall einen Gestaltungsspielraum für Menschen und Kollektive, die sich der Landflucht und dem oktroyierten Kulturverlust widersetzen. Die Dokumentation "Himba, Buschmänner und Löwen" nimmt das Ethno-Marketing in Namibia als Beispiel eines weltweiten Trends im Umgang mit "exotischen" indigenen Kulturen ins Visier. Sie geht der Frage nach, wie sich das Leben in einem "Lebenden Museum" oder in einem "Kulturdorf" anfühlt: Was bedeutet diese Form der kommerziellen Verwertung kultureller Kompetenzen und ethnischer Geschichte für die betroffenen Menschen? Handelt es sich tatsächlich um eine - wenn auch ambivalente - Chance, nach mehr oder weniger eigenen Kriterien unter Bewahrung der eigenen Traditionen zu überleben? Oder tendiert die eingeübte Praxis der Selbstdarstellung zu einem fortschreitenden Identitätsverlust bis hin zu einem Gefühl der kulturellen Prostitution?


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