Auf der Wiener Höhenstraße, wo man die beste Aussicht auf die Stadt an der Donau hat, nehmen zwei falsche Polizisten nachts die Leute aus – und haben natürlich selber Angst, erwischt zu werden.

Gemächlich kriecht der weiß gestreifte Dachs über den "Mulholland Drive", wie die Wiener ihre zum Kahlenberg führende Aussichtsstraße nach L.A.-Vorbild nennen. Die Zeitlupenbewegung, die Anfang und Ende des zehnten ORF-"Landkrimis" markiert, steht im krassen Gegensatz zur prallen Action, die der Film genüsslich serviert. Zwei falsche Polizisten tummeln sich auf der "Höhenstraße", so der richtige Name, am Rande Wiens in tiefer Nacht und kassieren arme Liebespärchen wegen der "Vornahme sexueller Handlungen in der Öffentlichkeit" oder alkoholisierte Autofahrer ab. Wer nicht aufs Revier oder gleich ins Gefängnis will, muss zahlen – auf die ausgestreckte Hand.

Da nutzt es natürlich gar nichts, wenn einer fragt: "Seit wann ist pudern strafbar?" Der arme Student hat sowieso nur einen Fünfziger dabei. Eher lohnend könnte da schon das Auto mit einem farbigen Insassen sein. Ein Asylant ohne Visa womöglich. Also Kelle raus, angehalten. Weil sich der Schwarze und sein Nebenmann aber wehren und sie selbst sich vor der Entdeckung schützen müssen, packen die "Polizisten" Roli und Ferdi (Nicholas Ofczarek und Raimund Wallisch) die Gestellten kurzerhand ein und entführen sie ins hauseigene Verlies.

Falsche Polizisten sind in, wie man weiß. Sie stehen gewöhnlich vor der Haustüre und ziehen ahnungslose Omas über den Tisch – oder drohen damit, dass sie Erkenntnisse über die anstehende Entleerung eines Bankkontos hätten. Zumindest Nicholas Ofczarek macht auch im schönsten Wiener Schmäh als falscher Bulle noch klar, dass mit einem wie ihm nicht zu scherzen ist. Wenn er – anderntags im Trenchcoat – braven Bürgern seine Dienstmarke unter die Nase hält, mit dem Schießeisen fuchtelt und jede Skepsis seines Gegenübers mit einer schnarrenden Gegenattacke pariert, macht er noch jedem Angst.

Beim versifften Frühstück in der maroden Männer-WG fassen die falschen Bullen nämlich den Entschluss, eine Entführung der von ihnen Eingefangenen vorzutäuschen, um das fällige Lösegeld zu kasieren. Ofczarek dringt dazu in die Familie des entführten Robert (David Oberkogler) und seines schwarzen Freundes ein. "Der Uku" (Olivier Mukuta) ist Roberts Patenkind und als solches für Roberts Schwester bestimmt. Genüsslich lässt sich der zum Kommissar mutierte Roli gleich den Kaffee und den Guglhupf von der Mama servieren, kämmt die Truhen und Schränke durch, um die Höhe des möglichen Lösegelds zu taxieren.

Regisseur David Schalko ("Braunschlag"), der das Drehbuch zu dieser schwarzen Wiener Kriminalkomödie ohne echte Kommissare schrieb, lässt es ganz ordentlich krachen. Sehr mütterlich führt die Mama (Inge Maux) den Herrn Inspektor (oder doch, wie im Tatort, "Major"?) in das Geschäftsmodell ihres Sohnes ein. Der hält sein Sperma tiefgekühlt in der Kühltruhe für gebährwillige Frauen bereit und erzielte damit schon manchen Erfolg. Nur jetzt, ausgerechnet jetzt, steht eine Mutter mit ihrem Baby vor der Tür. Das Kind ist behindert, Gerlinde, die Mutter (Doris Schretzmayer), sinnt rachelüstern auf Schadenersatz.

Spätestens hier merkt man, dass sich Schalko wieder einmal einen Dreck um political correctness oder moralische Bedenken schert. Gerlinde wird den Polizisten Ferdi dann auch noch in einem wahnwitzigen Strip-Pasodoble samt Karaoke-Gesang, Handschellen-Bondage und steif gerecktem Glied im Slip verführen. Auch spielt sie eine wichtige Rolle, als sie von der Höhe des in Aussicht gestellten Lösegelds erfährt. Es geht immerhin um eine runde Million. Vater Erwin hat sie einst im Lotto gewonnen – bisher hat er nur noch niemandem etwas davon erzählt. Klaus Rott setzt als Vater Erwin stets ein so freundliches Kindergesicht auf, dass man als Zuschauer immerfort das Gefühl hat, es könne gar nichts schiefgehen mit der getürkten Entführung und dem Lösegeld.

Klar, Schalko streift mitunter die Grenzen des Zynischen bei seiner genüßlichen Familien- Zusammenführung in Wien. Aber warum sollte man im Lande des Kerkermeisters Josef Fritzl oder des Lukona-Versenkers vom Café Deml in einer Krimikomödie zimperlich sein? Das Unglück lauert ohnehin allerorten, wie Gerlinde bemerkt. Das kann der Tod eines Wellensittichs beim erzwungenen Wasser trinken sein, oder der eines Vespafahrers, der in eine über die Straße getragene Glaswand fährt. Schalko und seine Schauspieler besitzen jedenfalls die große Gabe, das Groteske aus der Vorstadt leichthin ins gefühlt Allgegenwärtige zu verwandeln. Eine Gabe, die uns hierzulande offensichtlich fehlt. "Höhenstraße" wurde übrigens in Wiesbaden mit dem Deutschen Fernsehkrimipreis ausgezeichnet.


Quelle: teleschau – der Mediendienst