Kulturjournal
Kultur, Kunst + Kultur • 05.03.2021 • 02:05 - 02:45
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Originaltitel
Kulturjournal
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2021
Kultur, Kunst + Kultur

Kulturjournal

Toxische Männlichkeit und frauenverachtende Hetze: die Ideologie der Incels Es gibt Männer, die fühlen sich betrogen, gedemütigt und zu Unrecht geschmäht, enttäuscht von Frauen, die sie zurückweisen und nichts mit ihnen zu tun haben wollen. Auf der vergeblichen Suche nach einer Partnerschaft beginnen sie, den Frauen die Schuld für ihr Alleinsein zu geben. Sie verachten den Feminismus, drohen den Emanzipierten und lassen ihrer Wut freien Lauf. Das Phänomen ist vermutlich nicht neu. Neu aber ist, dass es sich im Internet rasant verbreitet. Dort hat sich eine Subkultur entwickelt, in deren Mittelpunkt die sogenannten Incels stehen, Männer, die im ungewollten Zölibat, involuntary celibacy, leben. Es ist eine Parallelwelt voller Hass und Verachtung. Zehntausende frustrierter Männer ergehen sich in Selbstmitleid, das sich bei manchen bis zu Gewaltfantasien steigert. Die Autorin Veronika Kracher hat in der Szene der Incels recherchiert und ein Buch darüber geschrieben, in dem sie ihre Geschichte erzählt und ihre Ideologie analysiert (Ventil Verlag). Einblick in eine erschreckende Parallelwelt. Ein Kieler Tatort über Frauenhass: Interview mit Axel Milberg Am Vorabend des Internationalen Frauentages (8. März) sendet Das Erste am Sonntag, 7. März, 20.15 Uhr, den neuen Kieler "Tatort: Borowski und die Angst der weißen Männer". Erzählt wird von der Radikalisierung eines jungen Mannes, der auf der Suche nach Liebe und Sexualität ins Umfeld der Incel-Bewegung gerät. Borowski ermittelt undercover in dem Umfeld. Im Rahmen des Schwerpunktes im "Kulturjournal" zu Gewalt an Frauen spricht Julia Westlake mit dem Borowski-Darsteller Axel Milberg über toxische Männlichkeit und Frauenhass. Die eigene Welt im Atelier: Besuch bei der Hamburger Künstlerin Annette Meincke-Nagy Köpfe, Büsten, ganze Personen: Lebensecht und doch wie aus einer anderen Welt schauen einen die Figuren im Hamburger Atelier der Künstlerin Annette Meincke-Nagy an. Die Statuen wirken seltsam verträumt, introvertiert, als gäben sie den Blick frei in ihre Seele. "Mein kleines Völkchen" nennt Annette Meincke-Nagy ihre Skulpturen, die sie aus Draht, Papier, Sand und Leim schafft. Sie verkörpern menschliche Schönheit und Würde, zeitlos und doch höchst gegenwärtig. Im Kerber Verlag ist jetzt der Band "Touchable" mit Fotos ihrer Werke erschienen. Das "Kulturjournal" macht einen Hausbesuch bei der Künstlerin und ihren Objekten. Fulminantes Romandebüt: "Ministerium der Träume" von Hengameh Yaghoobifarah In diesem Roman geht es um Ausgrenzung, Alltagsrassismus und Ankommen. Familie, starke Frauen, Verlust und Verletzungen. Verunsicherung, Diskriminierung und Gegenwehr. Klingt überfrachtet, stimmt aber nicht. Das Debüt der Publizistin und Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah ist fulminant, dicht und entfaltet einen Sog. Bekannt wurde die in Kiel geborene Yaghoobifarah durch Kolumnen in der "taz". Im letzten Sommer entfachte sie mit einem satirischen Text, in dem die Polizei hart angegangen wurde, eine aufgeregte Kontroverse. Der Innenminister wollte klagen, hat er dann nicht. Bis heute bekommt Hengameh Yaghoobifarah Morddrohungen. Nun legt Hengameh Yaghoobifarah einen ersten Roman vor. "Ministerium der Träume" (Blumenbar) erzählt offen, manchmal rotzig und vor allem einfühlsam von schmerzhaften, systemischen Diskriminierungserfahrungen mitten in Deutschland, über drei Generationen. Ohne dass man es möchte, ist man beim Lesen selbst mitten drin in einem Denken in Gruppen und Gegengruppen, erlebt man den ständigen Konflikt, statt ihn von außen zu betrachten. Das "Kulturjournal" bittet Hengameh Yaghoobifarah zum Gespräch über rechten Terror, Heimatlosigkeit und Identität. Panorama einer paralysierten Gesellschaft: Ljudmila Ulitzkaja "Eine Seuche in der Stadt" Der Satz, der einem die Sprache verschlägt, steht am Ende des neuen Buches von Ljudmila Ulitzkaja und ist als Trost gemeint: "Es war die Pest, nur die Pest." Gibt es etwas Schlimmeres als den schwarzen Tod? Ja, sagt Ulitzkaja. Die politische Pest. Ihr Buch "Eine Seuche in der Stadt" erzählt von einem Pestausbruch in Moskau 1939. Eine Seuche, die die Partei in einem Dekret 1938 für ausgerottet erklärt hatte. Auf anfängliche Ratlosigkeit folgt staatliche Entschlossenheit bei gleichzeitiger Verschwiegenheit. Der Geheimdienst NKWD, geschult im Aufspüren von Leuten, übernimmt die Kontaktnachverfolgung, spürt Infizierte auf und isoliert sie. Die Aktion ein voller Erfolg. Den Pestausbruch hat es tatsächlich 1939 so gegeben. Ljudmila Ulitzkaja nimmt die Katastrophe als Sujet, um über die Deformation der Gesellschaft in einer Diktatur zu erzählen. Die Seuche offenbart die Krankheit des Systems. Das Buchmanuskript ist 40 Jahre alt und brandaktuell. Nicht die Pest, Corona hält die Welt seit einem Jahr in Atem. Und Diktaturen scheinen erfolgreicher als Demokratien mit ihren Maßnahmen zu sein. Ein Irrtum, weiß Ljudmila Ulitzkaja, die ihr halbes Leben in Diktaturen zugebracht hat. Gegen eine Krankheit kann man auf die Wissenschaft hoffen, gegen ein krankes politisches System ist die Wissenschaft machtlos.
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