Märchen & Sagen

Sterntaler gibt seine einzige Jacke an ein bedürftiges armes Kind. Vergrößern
Sterntaler gibt seine einzige Jacke an ein bedürftiges armes Kind.
Fotoquelle: ZDF/Frank Wache
Kultur, Kunst und Kultur
Märchen & Sagen

Infos
Produktionsland
Deutschland
Produktionsdatum
2005
ZDFneo
So., 09.12.
09:55 - 10:40
Sterntaler und das himmlische Gold


Wenn der Mensch bereit ist, auf irdische Güter zu verzichten und Barmherzigkeit zu zeigen, kommt der Lohn vom Himmel: So lautet die Moral des Märchens "Sterntaler". Die Brüder Grimm veröffentlichen 1812 zum ersten Mal die Geschichte "Das arme Mädchen". Gedacht waren die Märchen für Wissenschaftler. Doch das große Interesse der Kinder erfreute die Grimms sehr. Bereits die zweite Auflage wurde kindgerechter gestaltet. Märchen sind die Sprache der Seele, heißt es. Sie sind wie Träume, die tief im Unterbewusstsein nachwirken. Ähnlich wie Bibelgleichnisse enthalten sie verschlüsselte Botschaften, die bis in die Wirklichkeit hineinreichen. So phantastisch viele der Geschichten auch klingen, so beruhen die meisten doch auf historischen Fakten. Die Reihe "Märchen & Sagen" präsentiert die Erkenntnisse von Wissenschaftlern zu den überlieferten Geschichten von Schneewittchen, Sterntaler und dem Rattenfänger, zu deren verschlüsselten Botschaften und historischen Hintergründen. Als die Brüder Grimm das Märchen "Sterntaler" 1812 zum ersten Mal veröffentlichten, trug es noch den Titel "Das arme Mädchen". Die Verfasser griffen auf eine mündlich tradierte Geschichte zurück und verwiesen zudem auf Parallelen zu Jean Paul und Achim von Arnim. In den Anmerkungen zur Erstausgabe betonten die Grimms, ihre Märchen seien eigentlich für Wissenschaftler und interessierte Laien gedacht. Bereits im Vorwort zur zweiten Auflage von 1819 betonte der Autor die besondere Neigung der Jüngsten zu Märchen und definierte den neuen Band auch als "Erziehungsbuch". Die Erzählung vom armen Mädchen hieß nun "Die Sterntaler". Das Mädchen, das Eltern und Heim verloren hat, steht als Prototyp für das hilfsbedürftige Kind. Nur ein Stück Brot und die Kleider, die es auf dem Leib trägt, sind ihm geblieben. In schlichten Worten, aber umso eindringlicher schildert der Text, wie das Kind aus Nächstenliebe und ohne zu zögern an andere Arme alles weggibt, was es noch besitzt: das Brot, das Mützchen, das Leibchen, das Röcklein und zuletzt auch noch sein Hemd. "Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel und waren lauter harte blanke Taler. Und obwohl es sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein neues an, und das war vom allerfeinsten Linnen. Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich für sein Lebtag." Die Betonung des Lieben und Braven gehört zum Biedermeier, der Epoche zwischen Romantik und Realismus, die auf den politischen Entwicklungen zwischen 1815 und 1848 gründet. Die allgemeine Sinnkrise nach der Wende zum 19. Jahrhundert basiert auf Ernüchterung und Hoffnungslosigkeit seit den Befreiungskriegen, auf politischer Unfreiheit und wirtschaftlichen Problemen, die jeden Aufschwung lähmten. Als Gegenpol gewinnen Häuslichkeit sowie Geselligkeit in Familie und Freundeskreis an Bedeutung. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wandelte sich die Bedeutung des Biedermeier ins Positive - im Sinn von "guter alter Zeit". Dass der Lohn für das barmherzige Kind vom Himmel kommt, beruht nicht auf Zufall. Seit alters her erfreuen sich Sterne und vor allem Sternschnuppen, die lautlos zur Erde fallen, großer Beliebtheit in populären Überlieferungen. Schon die alten Griechen identifizierten die blinkenden Himmelskörper mit den Seelen Verstorbener. Doch die Bezeichnung "Sterntaler" für eine Münze mit materiellem Wert entstammt nicht der Phantasie der Brüder Grimm.


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