Mit dem Postboot auf dem Jenissej

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Fotoquelle: NDR/Michael Donnerhak
Natur+Reisen, Land und Leute
Mit dem Postboot auf dem Jenissej

NDR
Di., 21.11.
13:15 - 14:00
Folge 2, 2000 Kilometer durch Sibirien


Der Jenissei ist einer der mächtigsten Ströme der Erde. Er fließt von der mongolischen Grenze nordwärts durch ganz Sibirien bis zum Polarmeer. Hier gibt es keine Straßen und keine Schienen. Das Postschiff ist die einzige Verbindung zu den Menschen. Es fährt Tag und Nacht an endlosen Wäldern entlang, an winzigen Dörfern und kleinen Städten vorbei. Die Reise auf dem Fluss beginnt in Krasnojarsk. Von dort aus werden die Dörfer bis hinauf zum Nordpolarmeer mit Kohle, Lebensmitteln, Medikamenten und Post versorgt. Alles wird von den Menschen sehnsüchtig erwartet. Nur vier Monate im Jahr ist Zeit, notwendige Dinge in die Siedlungen zu schaffen. Dann friert der Fluss bei Temperaturen von bis zu minus 40/50 Grad zu. Kapitän Pachomov kennt den Jenissei, den stürmischen, gefährlichen Fluss mit reißender Strömung. Vom Schiff aus sieht man, dass manche Ufer wie "abrasiert" wirken. An Bord sind Nenzen, die zu den Ureinwohnern Sibiriens gehören. Vor der russischen Eroberung lebten sie nicht in festen Häusern, sondern als Nomaden. Ihr Dorf ist so winzig, dass es keine Anlegestelle hat. Die Menschen klettern mitsamt ihren Habseligkeiten wie Kühlschränken, Fernsehapparaten und Sofas die Bordwand herunter und steigen in Transportboote um. An einigen Anlegestellen warten Babuschkas mit Kartoschki, Kartoffeln, Gemüse und Obst aus ihrem Garten auf die Reisenden, um sich zur kargen Rente etwas dazuzuverdienen. Die Menschen am Jenissei haben schon einiges durchgestanden. Viele kapitulieren vor der großen Kälte, der Einsamkeit und Weite des sibirischen Nordens, wollen ins "materik" nach Zentralrussland zurückkehren. Aber es gibt auch Naturfreunde im hohen Norden, die auf dem Schiff die Zeit nutzen, ihre Netze zu flicken, die vom Fischfang leben, von der Jagd auf Bären, Zobel, wilde Rene und von den kargen Ernten ihrer winzigen Gärten. Schon die russischen Zaren verbannten Unbotmäßige in diese unwegsame Gegend. Später kamen im Auftrag des Zaren Kosaken, die auf der Jagd nach dem Zobel zu märchenhaftem Reichtum kamen und Vorposten des russischen Imperiums in Sibirien errichteten. Heute pflegen die Kosaken wieder ihre Traditionen, rekrutieren junge Leute und lehren sie, nach Kosakenart für Gott und Russland zu kämpfen. Die reichste Stadt am Strom, die unter dem Schutz der Kosaken stand, war einst Jenisseisk. Von hier aus gingen die Zobelfelle nach Nischni-Nowgorod und dann auf die Rauchwarenmesse nach Leipzig. Auch während der Sowjetzeit wurden Menschen an den Jenissei verbannt: Die Nachfahren entlassener Lagerhäftlinge der Stalinzeit leben hier und Russlanddeutsche, die von ihren Siedlungen an der Wolga zu Beginn des Großen Vaterländischen Krieges 1941 nach Sibirien verschleppt wurden und heute noch in altmodischem Deutsch dem Fremden antworten. Einige von ihnen trifft das Filmteam an Bord und besucht sie in ihren Siedlungen. Das Gebiet, wo sich der Jenissei ins Nordmeer ergießt, ist für Ausländer gesperrt. Man braucht eine Ausnahmegenehmigung vom russischen Geheimdienst FSB. Der hohe Norden ist einer der rohstoffreichsten Regionen Russlands. Unweit des Jenissei liegt Norilsk mit dem größten Nickelwerk der Welt. Ein halbes Jahr ist es hier, jenseits des Polarkreises, dunkel und eisig kalt. Das Werk zahlt hohe Löhne, um die Arbeitskräfte für das gigantische Werk, etwa 60.000 Menschen, bei der Stange zu halten. In den 1930er-Jahren wurden Menschen man nach Norilsk deportiert oder abkommandiert. Die Stadt ist eine Schöpfung der Stalinzeit. Die ersten Industriebetriebe wurden von Gefangenen gebaut: Das Lager Norilag war einer der größten Komplexe des sowjetischen Gulag. Zehntausende politische Gefangene sind dort an Kälte, Schwäche und Hunger gestorben. Stalin wusste, was er tat, als er die Menschen in den hohen Norden schickte, denn er selbst war am Jenissei verbannt. Einst stand ein gigantisches Stalin-Denkmal am Fluss. Die Alten wissen noch heute zu berichten, dass nach dem Tod Stalins und den Enthüllungen über seine Verbrechen aufgebrachte Bauern das Denkmal auf einen Traktor luden und im Fluss versenkten. Nur der Sockel blieb stehen und ist vom Ufer aus zu besichtigen.


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