Suhrkamp-Autoren begleiten seit der Verlagsgründung 1950 die Geschicke beider deutscher Republiken. Verlagsgeschichte und deutsche Geschichte sind eng verwoben. Suhrkamp versammelt unter seinem Dach die wichtigsten Intellektuellen aus West und Ost. Sie stoßen wichtige Debatten an und prägen das geistig-kulturelle Leben. Vor allem die Diskurse zur geistigen Erneuerung Nachkriegsdeutschlands gehen von Suhrkamp aus. Gleich zu Beginn steht die schwierige und konfliktvolle Frage nach der Aufarbeitung des Zivilisationsbruchs durch Nazideutschland, verbunden mit der Suche nach einer neuen Positionierung. Die intellektuellen Reflektionen über die deutsche Teilung, den Kalten Krieg oder die Wiederbewaffnung. Der Generationskonflikt um "68", der die Frage nach der Schuld der Väter stellt und in Gewalt eskaliert. Immer wieder sind es Suhrkamp-Autoren, die politische und gesellschaftliche Fragen aufwerfen und diskutieren. Konstante des Verlagsprogramms ist auch die Bewahrung jüdisch-deutschen Geisteslebens. Und der Blick über die Mauer durch die Herausgabe der Texte vieler wichtiger DDR-Autoren. Wie kein anderer Verlag prägte Suhrkamp die deutsche Nachkriegskultur. Der Gründer Peter Suhrkamp und sein Nachfolger Siegfried Unseld bauten eine Institution auf, die ihresgleichen sucht: die ideale personelle Konstellation aus engagierten, kenntnisreichen Lektoren und den wichtigsten deutschsprachigen Autoren, die zu Teilen auch als Herausgeber und Berater für den Verlag tätig waren, schuf die "Suhrkamp Kultur". Kernstück dieser Kultur war die Taschenbuchreihe "edition suhrkamp", die Unseld gemeinsam mit dem Designer Willy Fleckhaus "erfand". Hier kamen auf einzigartige Weise Inhalt und Ästhetik zusammen: In der regenbogenfarbigen Taschenbuchreihe wurden Texte aus Literatur, Geisteswissenschaft, Theorie, Philosophie und Theaterstücke unter einem Dach herausgegeben. Herausragend für dieses Crossover stehen Namen wie Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas, Hans Magnus Enzensberger, Max Frisch, Martin Walser, Friederike Mayröcker, Thomas Bernhard, Volker Braun, Ulrich Plenzdorf, Hans Mayer, Uwe Johnson, Ralf Rothmann, Thomas Hettche, Rainald Goetz, Angela Krauß, Durs Grünbein, Ingeborg Bachmann, Peter Bichsel und Ulla Berkéwicz - um nur einige wenige zu nennen. Die Gesamtausgaben von Bertolt Brecht, Theodor W. Adorno, Georg Wilhelm Friedrich Hegel oder Walter Benjamin sind beispiellose editorische Leistungen. Diese intellektuelle Wucht bildet naturgemäß die Entwicklung der deutschen Nachkriegskultur spiegelbildlich ab, mehr noch: Der Verlag prägte diese in seinen besten Zeiten argumentativ und meinungsbildend. Die Verlagsgeschichte ist durchwoben von Legenden und Diskursen, die Aufsehen erregten und/oder gesellschaftliche Umbrüche versinnbildlichten. Da gibt es zum Beispiel den sogenannten Lektorenaufstand von 1968 in dem - ganz Zeitgeist - vom Patriarchen Unseld die Vergesellschaftung des Verlages gefordert wurde, die Einladung des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt an Siegfried Unseld und Max Frisch zum Meinungsaustausch auf dem zeitlichen Höhepunkt des Deutschen Herbstes von 1978, den auf publizistischer Ebene ausgefochtenen Historikerstreit zwischen Nolte und Habermas, die prophetische und gleichwohl umstrittene Hinterfragung der deutschen Teilung durch Martin Walser in den 1980er-Jahren sowie dessen öffentliche Selbstbefragung zu Auschwitz in seiner Rede in der Paulskirche 1998, die in seiner Umstrittenheit wiederum verdeutlichte, dass sich der Ungeheuerlichkeit des Holocausts immer wieder neu zu stellen ist. In idealer Weise bot der Suhrkamp Verlag eine kommunikative analoge Plattform, auf der Autoren, Theoretiker, Literaten, Stückeschreiber, Lyriker, Wissenschaftler und Publizisten mit den Lesern in Dialog getreten sind. Dieses Zwiegespräch ebbt mit dem Schwinden der Funktion des Intellektuellen in der Gesellschaft ab; die öffentlichen tiefgreifenden intellektuellen Diskurse bleiben zunehmend aus. Kurzatmiges Twittern ist heute angesagt. Interessanterweise wird dieser Prozess relativ zeitnah mit dem Tod von Siegfried Unseld 2002 zunehmend spürbar. Auf alle Fälle bleibt der "Mythos Suhrkamp". Um ihn neu zu entdecken, sammelt die zweiteilige Dokumentation Reflektionen, Stimmen und Geschichten von ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten, die aus verschiedensten Perspektiven etwas zu Suhrkamp zu sagen haben: die Autoren Angela Krauß, Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser, Ralf Rothmann, Peter Bichsel, Volker Braun und Durs Grünbein, die Lektoren Rudolf Rach, Karlheinz Braun und Thorsten Ahrend sowie die Literaturwissenschaftler Thedel von Wallmoden, Jan Bürger und Jörg Magenau. Komplettiert wird diese filmische Suche nach dem "Mythos Suhrkamp" durch Fernseh-Archivschätze aus vier Jahrzehnten. Redaktionshinweis: Die zweiteilige Dokumentation "Mythos Suhrkamp" zeigt 3sat zum 70-jährigen Bestehen des Verlages.